Klaus Mollenhauer bricht mit seiner pädagogischen Vergangenheit

/ von Konrad Wünsche

In der Einleitung seines Buches verspricht der Autor eine Skizze dessen, was Allgemeine Pädagogik heute sein könnte, während er am Ende schließlich nicht ohne Genugtuung den Verdacht äußert, sein Text gehöre vielleicht einem von anderen als obsolet empfundenen Typ pädagogischen Denkens an. Beide Male gebe ich ihm recht.

Klaus Mollenhauer, vergessene Zusammenhänge, Über Kultur und Erziehung, München (Juventa), 1983; 184 S., 23 Abb., 22 Mark.

Der gegenwärtigen Pädagogik präsentiert er Ausschnitte aus unserer kulturellen Tradition. Sie soll sich in fremden, wenigstens anderen Erziehungsverhältnissen spiegeln. Das geht souverän hin und her durch die Geschichte: Kafkas Brief an den Vater leitet das Buch ein; das erste Kapitel eröffnet Augustinus mit seiner Darstellung des kindlichen Spracherwerbs; dann wird beschrieben, wie der Indianer Büffelkind-Langspeer zu seinen Namen kam, dann aus Graphiken der Spätgotik und der Renaissance die Entstehung einer pädagogischen Barriere um das Kind rekonstruiert.

Mollenhauer läßt sich auf Bilder ein, nicht um mit ihnen die Geschichte des Erziehungswesens zu illustrieren, sondern um (in der Nachfolge Panowskys) deren ikonologische Gesetzlichkeiten pädagogisch aufzuschließen; man kann aus ihnen ersehen, nach welchen Regeln die Erziehungswirklichkeit einer Zeit und Region entworfen war, etwa das Verhältnis der Kinder zur elterlichen Arbeitswelt oder ihr Laufenlernen.

Ich bin solcher inhaltlichen und methodischen Vielfalt gern gefolgt, habe die Ausforschung von Selbstbildnissen ebenso mit Genuß nachgelesen wie die Beschreibung des Orbis pictus von Comenius oder die Interpretation der Kaspar-Hauser-Geschichte. Jedesmal hat Mollenhauer auf vorsichtige Weise pädagogische Problemstellungen im historischen Zusammenhang aufgespürt, dessen pädagogische Substanz wird als unser Stoff erkennbar. So gesehen, gab mir die Lektüre Hinweise, darüber nachzudenken, ob meine „gelebte Lebensform der Bildung von Kindern zuträglich ist“; denn das ist die Frage des Autors – unabhängig von der alten Paradoxie der Pädagogik, Weltbezug sei nur im Selbstbezug zu verwirklichen.