Hamburg: Jonathan Borofsky – Zeichnungen 1960–1983“

Traumgesichte sind die beständig wiederkehrenden Bildelemente in Borofskys Zeichnungen: Köpfe unbehaart, monadenähnlich mit hohlen Augen, verpuppt schlafend in Waben, auftauchend und versinkend in Nebeln fremder Raumebenen, bedrückt von Alltagsgedanken, eingebunden in die Unendlichkeit. Leitsatzähnlich stehen darüber die Schriftzüge: „Art is for the spirit“. „Reality is not what you think it is“. Anspielungen auf den problembehafteten Alltag – Krieg, Hochrüstung, Polizeiherrschaft – sind in dieser entrückten Welt reduziert zu Grundkonflikten, einem Ping-Pong zwischen Plus und Minus, Gut und Böse, Weiß und Schwarz. Ein erhobener Arm mit Pistole, schattenhaft, comicartig taucht er auf, banalisierend nur spielt ein Bildtext an auf die „Hitlertypen“. Zahlreiche unserer gegenwärtigen Alternativwelten, Outsider-Kulturen lieferten Borofsky die Versatzstücke für eine eigene Ikonographie: ein Gemengsel aus neuem religiösem Bekennertum, Science-fiction, Hippie-Kultur, Experimentalphysik und Psychokult. Entstanden ist daraus ein Zeitbild, ein Konglomerat aus kulturell sehr unverarbeiteten naturwissenschaftlichen Einsichten und noch längst nicht verabschiedeter Sehnsucht nach der Geborgenheit eines religiös gefestigten Weltbildes. Bekannter als seine Zeichnungen sind Borofskys gigantische, stumm hämmernde Schablonenmänner – eines der Wahrzeichen der letzten documenta; sein überdimensionaler Fliegender Mann schwebte einer Galionsfigur gleich über der Berliner „Zeitgeist“-Ausstellung. Borofskys Name steht für diese und andere (zum Beispiel jetzt in Basel eingerichtete) großartige Rauminstallationen, in denen seine Zeichnungen als monumentale Wandmalereien, auf Museumswände projiziert, stets eine wichtige Rolle spielten. Die rund zweihundert, jetzt im Hamburger Kunstverein gezeigten Blätter (die Ausstellung war vorher in Basel und Bonn zu sehen) stammen aus dem Besitz des Künstlers, der Paula Cooper Galerie/New York, die ihn seit 1975 mit Ausstellungen wesentlich förderte und des Baseler Kunstmuseums, das seit 1980 gezielt eine Sammlung von Zeichnungen Borofskys aufbaut. Naiv und zugleich fast unerträglich theatralisch wirken die Arbeiten auf den Betrachter. Oberdeutlich vermitteln sie die Mühsal des Künstlers, seine besondere Weltsicht doch verständlich zu machen. Immer wieder schieben sich erklärende Texte und Kommentare ins Bild, über Jahre wiederholen sich Motive. Und trotzdem bieten diese Blätter dem Besucher etwas vielschichtiger und komplizierter die schattenhafte Kunstwelt Borofskys dar, als es die simplen, eher erheiternden Werbegags gleichenden Beiträge zur documenta oder der „Zeitgeist“-Ausstellung konnten. (Kunstverein bis zum 26. Februar, vom 1. April bis 13. Mai Kunsthalle Bielefeld, vom 27. Mai bis 8. Juli Mannheimer Kunstverein, Katalog 24 DM).

Elke von Radziewsky

Wichtige Aasstellungen

Baden-Baden: „Gustave Courbet – Les voyages secrèts de M. Courbet“ und „Georges Senat – Zeichnungen“ (Staatliche Kunsthalle bis 11. 3., Katalog 45 bzw. 35 Mark)

Berlin: „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ (Schloß Charlottenburg, Orangerie bis 19. 2., Katalog 48 Mark)

Düsseldorf: „Picasso – Plastiken“ (Städtische Kunsthalle bis 29. 1., Katalog 40 Mark)