Wohlig rekeln sich die Schüler auf Polstersesseln und lauschen sanften Mozartklängen, als die Französisch-Lehrerin dezent die siebte Lektion intoniert. Gediegen wie das Interieur geben sich auch die Erwachsenen, die die solchermaßen entspannte Weise der fremden Sprache näher kommen wollen. Zur „Suggestopädie-Session“ finden sich im schweizerischen Nova-Park-Hotel jeden Tag acht Aspiranten ein, um fünf Stunden lang sich Michèle Dumelien, einer Lehrerin, die eigens aus Kanada einflog, zu um nen. „Suggestopädie“, das bedeutet laut Werbe-Lehrerin, den „Abbau von Lernschwellen und Hemmungen“ und verspricht sagenhafte Erfolge ohne Pauken.

Neu ist die Sache nicht: An rund 30 bulgarischen Grundschulen lehren die Pädagogen längst in fast allen Fächern mit Hilfe dieser Methode, die auf den Ergebnissen der „Suggestologie“, der Wissenschaft von der Beeinflussung des Menschen durch Suggestion, beruht. Bewußte und unbewußte Informationsaufnahme stehen dabei Menschen rechtigt nebeneinander.

Jeder würde sich schließlich auch an Informationen aus unterhaltsamen Filmen erinnern, ohne diese per Lehrbuch gelernt zu haben, erklärt Tony Stockwell, Leiter der Kölner Wirtschaftsfachschule, die in Zürich Marketingkonzept und Lehrerfolg der Methode testete. Das psychologische Phänomen versuchte Georgi Lozanov, bulgarischer Erfinder der Suggestologie, erstmals für seine Schüler zu nutzen. Unverkrampft soll bei ihm gelernt werden, ein Prinzip der Suggestopäden beißt deshalb Entspannung. Dabei hilft offenbar die Musik. „Möglichst Barock“, empfiehlt Tony Stockwell. Der Takt dieser Klänge ähnele am ehesten dem Herzschlag der Schwangeren und entführe Schüler über Alpha-Wellen in eine simulierte Embryophase.

Was mystisch anmutet, belegten kanadische und bulgarische Forscher in empirischen Untersuchungen: Vokabeln lernen sich am besten im Halbschlaf. Beim Lernen nach Lozanov spielen die Schüler außerdem – ähnlich wie im kommunikationsorientierten Unterricht. Sie spielen Rollen Verstorbener wie die von Coco Chanel oder George Washington – je nach Kulturkreis der zu erwerbenden Sprache. Hinter dem Pseudonym Prominenter könne man zwangloser und selbstbewußten lernen, meint Kursleiter Stockwell. Ohne Streß also spielen Coco und George auf dem Fußboden – stammeln erste Sätze und radebrechen mit den Sprachbrocken, die Lektion sechs ihnen bescherte. Zurück zur unbefangenen Kindheit, die die fünf Stunden wie im Fluge vergehen läßt. Entspannt muß auch der Lehrer handeln, um den Lernerfolg (versprochen werden immerhin 2500 Vokabeln in nur 100 Stunden, soviel, wie sonst in monatelangen Kursen gelernt wird) zu ermöglichen. Schummeln erübrigt sich, weil es keine Tests gibt und die „Schummelnotizen“ mit dem notwendigen grammatikalischen Beiwerk an der Wand hängen. An der Grammatik hapert es trotzdem, sie schmeichelt sich offenbar weniger leicht, über Alpha-Wellen ins Hirn.

Dem Unterbewußtsein ihrer Schüler will Michele Dumelien vor allem eins vermitteln: „Ihr schafft’s“. Wiederholungen und Kritik sind verpönt. Ein Verhalten, das so weit ab vom herkömmlichen Schulalltag liegt, daß nur wirklich Befähigte, zum Suggestopädie-Lehrer berufen sein können, wie Stockwell versichert. Den normalen akademischen Werdegang habe sein Lehrpersonal hinter sich, das notwendige psychologische Know-how sei jedoch nur durch Intuition und hauseigene Schulung zu erwerben. Ein Alleinvertretungsanspruch, den selbst suggestopädiefreundliche Didaktiker wohl kaum nachvollziehen können.

Auf Suggestopädie in der Schule mag sich Tony Stockwell nicht einlassen. Nach dreijähriger Arbeit als Lehrer sieht er sich dem „Normalunterricht“ verloren – obgleich er mit Kölner Hauptschülern Erfolge durch Suggestopädie erzielt laben will Doch: „Nur in der entsprechenden Umgebung ist der Erfolg wirklich garantiert“, beteuert der Geschäftstüchtige. Und die entsprechende Umgebung – die kann angeblich nur sein Institut stellen. Wo nach „Lozanov“ draufsteht, sei noch lange nicht „Lozanov“ drin, sprich: „Es gibt viele Adepten, aber nur die Kölner Wirtschaftsfachschule ließ sich die Methode bei den Bulgaren lizensieren.“ Ob es nun die Erfolgsgarantie oder doch eher die Methode ist – es nutzt offenbar. Für eine Alltagsunterhaltung in der neu gelernten Sprache reichen die Kenntnisse der Lozanov-Absolventen jedenfalls, die Eidgenossen zeigen sich Sprache über den Leichtlernweg, der ihnen Hausaufgaben und miese Stimmungen erspart.

Um auch den Bundesbürgern Lust statt Frust beim Sprachenlernen zu ermöglichen, bietet die Schule im Frühjahr Kurse in Frankfurt, Hamburg, München und Düsseldorf an. Suggestopädisches Lernen hat allerdings seinen Preis: Über 3000 Mark sind für den vierwöchigen Kurs zu berappen. Exquisites Lernumfeld und qualifizierte Lehrer – das alles kostet eben. „In einer angemieteten Turnhalle“, empört sich Tony Stockwell bei der Frage nach preisreduzierteren Möglichkeiten für etwaiges Massenpublikum, „kann man doch nun wirklich nicht entspannt lernen.“

Dörte Schubert