Die Eifersüchteleien sind alt, aber frisch, klein, aber fein. „Die Etsch entspringt zu oberst auf Malser Hayd am Reichen neben der gemainen Landstraßen in ainer Wiesen, istpein ziemlich groß und lichtes Brünnlein, rinnt allda durch drei große Seen,“ begründete schon um 1600 Marx Sittich von Wolkenstein den Anspruch der Reschener, Quellort des Südtiroler National“-Flusses zu sein. Aber schon dreißig Jahre zuvor hatte der Schweizer Campell den Karlinbach, der ein wenig weiter südöstlich aus dem Tal von Langtaufers in den See mündet, als Quellfluß benannt, und sogar den Pitzbach, der aus Westen aus dem Rojental herunterplätschert, sähen einige gern als den Ursprung.

Aber was soll uns Skifahrern die Etschquelle? Wenig, gewiß. Aber ganz so unwichtig ist nicht, woher deren Wasser stammen, und noch weniger, woher der Schnee fürs Wasser auf die Wiesen, Hänge und Berggipfel heranweht. Denn gerade hier, wo wir doch von München über Kufstein, Innsbruck, Landeck, Nauders gerade erst „in die Berge“ gekommen sind, befinden wir uns bereits auf der „Südseite des Alpenhauptkammes“, und was das bedeutet, haben manche Hoteliers und Skiliftbesitzer, Verkehrsvereinsdirektoren und Sportartikelhändler sich in den letzten Jahren auf Heller und Pfennig und vor allem Lira vorzählen können.

Gottlob steht dem Vinschgauer Oberland mit dem Reschenpaß (1508 Meter), einem breiten Wiesensattel, über den schon im hohen Mittelalter gekrönte Häupter wie arme Sünder gelegentlich lieber nach Rom zogen als über den Brenner, ein Windfenster nach Nordwesten offen. Was an Schneewetter über die Silvretta- und die Samnaungruppe herüberdringt, lädt hier noch einiges ab, und auch das Engadin läßt sich nicht lumpen: Im italienischen, Verzeihung: Südtiroler Zipfel des Dreiländerecks darf man noch mit ausreichendem Schnee, aber eben auch schon längeren Sonnenzeiten rechnen.

Dies ist gewiß keine schlechte Mitgift. Und da sich hier auch noch der dem Notwendigen aufgeschlossene Geschäftssinn aus dem Norden mit dem ruhigen Blick für die Vermeidbarkeit des nicht unbedingt Notwendigen aus dem Süden gesund mischen, bietet das Vinschgauer Oberland im zukunftsträchtigen Jahr 1984 ein gerüttelt Maß an solidem „Nur-nicht-nervös-Werden“ und dazu ein Skigelände, das nur verhalten sportlichen Ehrgeiz fordert und es ansonsten damit bewenden läßt, wenn die Familien, die Streßgeplagten, die „Fortgeschrittenen“ vom zweiten Jahr oder die schon vernünftig Gewordenen sich auf den milden und mäßig langen Pisten amüsieren. Deren eine, dem Reschenpaß am nächsten gelegene, heißt denn auch nicht ganz ohne Grund „Schöneben“. (Ganz genau genommen liegt der Poflenlift noch näher zur Grenze, aber viel mehr als ein schmales Übungsgelände steht dort nicht zur Verfügung.)

Auch der andere Zugang zum Vinschgau ist möglich – von Meran kommend. Auf diesem Wege sind, noch deutlicher als über die Nord-Schwelle, die vier Stufen eines italienischen Alpenaufstiegs zu erkennen und zu genießen: südländische Üppigkeit bis hin nach Naturns, wenn den März-Skifahrer schon die ersten Frühlingsblumen irritieren; Kastanien, Wein und Spalierobstanlagen mit den berühmten Marillen auf der Strecke bis zum großen Gadria-Murkegel bei Laas; das weite Tal bis zum Fuß der „Hayde“ bei Mals; die voralpine Matten-Landschaft mit den beiden Seen, von denen der größere entstand, als man 1948-50 bei St. Valentin einen Damm errichtete, den Wasserspiegel um 22 Meter erhöhte und dadurch den Mittersee mit dem Obersee verband zum jetzt größten Alpenstausee. Nur noch der aus dem 14. Jahrhundert stammende Glockenturm, der in einigem Abstand von der neuen Straße aus dem Wasser (oder der Eisfläche) ragt, wacht über die Reste der hier versunkenen Ortschaft Graun.

Das neue Graun ist ein wenig ein Kunstgebilde: politisches Zentrum einer „Fraktionen“-Gemeinde und Sammelpunkt für alle modernistischen Errungenschaften wie Sportzentrum samt (sehr schönem) Schwimmbad und (für Skifahrer äußerst angenehmer) Sauna.

Verzweigt wie die politische Gemeinde ist auch das Skigebiet. Aber da die klügeren Geister einen gemeinsamen Skipaß durchgesetzt haben, stehen dem Besucher offen: die Anlagen von Reschen/Schöneben, Graun/Langtaufers, St. Valentin/Haideralm, Watles. Das sind insgesamt sechzehn Lifte, die immerhin viermal bis auf 2500 Meter hinauftragen.