Der Schein trügt. Das weiß jeder. Den Römern hat es der Schriftsteller Plinius auf lateinisch gesagt. Jetzt steht es in deutscher Übersetzung in den Büchern mit den geflügelten Worten. Auch wenn es banal ist: „Der Schein trügt.“

Darauf schien Verlaß, bis dies geschah: Eine Dame, ganz in Schwarz, hielt einen Vortrag, obwohl sie sich eben noch als Dirigentin versucht hatte. Ihre Turmfrisur, ja die ganze Person war grau vom Staub der Jahre, der sichtbar Kopf und Kunst bedeckte. Wie zuvor ein unsichtbares Orchester dirigierte sie jetzt ihre Sätze. Einer davon, eine Frage, hieß: „Warum kann man dem Schein nicht trauen?“ Sie zögerte die Antwort hinaus, legte Gewicht auf jedes der drei Worte, aus denen ihre Antwort bestand, warf sich in eine triumphierende Rednerpose und sagte schnippisch wie eine greise Studienrätin: „Weil er trügt. Das weiß man doch.“ Aber dann kam der Clou. Sie fragte: „Warum können wir hier dem Schein trauen?“ und antwortete, pikiert wie ein deutscher Privatdozent: „weil er nicht trügt, zweifelsohne.“

Hier – das hieß in der Schaubühne am Lehniner Platz, wo gerade Szenen des französischen Komikers Henri Cami gespielt wurden und Libgart Schwarz auftrat. „Zwischenhimmel“ hieß die Szene und bedeutete: Heute, in diesem Theater, wie angekündigt – alles nur ein Cami-Abend. Der Schein trügt nicht.

Dieses Spiel im Zwischenhimmel ist jetzt aus. Thomas Bernhard hat gesprochen. Sein neues Stück wurde im Bochumer Schauspielhaus von Claus Peymann uraufgeführt. Es heißt: „Der Schein trügt.“ Zu Recht. Das kann man beweisen.

Karl ist Artist gewesen, Robert Schauspieler. Jetzt sind beide Rentner. Mathilde, Karls Lebensgefährtin, ist gestorben. Ihr Wochenendhäuschen hat sie Robert vermacht. Karl, der sich immer dienstags und donnerstags mit Robert trifft, ist „irritiert“: „Das Wochenendhäuschen/Robert vermacht/nicht mir/der Schauspieler also verdiente es/nicht der Artist/der Hochstapler/nicht der Lebensgefährte.“ Das ist die Geschichte.

Hauptperson ist Karl, in Bochum gespielt von Bernhard Minetti, der bei Peymann zuletzt als Thomas Bernhards Weltverbesserer auftrat. Bernhard hatte das Stück „für Minetti“ geschrieben. „Die Frau“ an der Seite des Weltverbesserers war Edith Heerdegen. Sie hatte kaum ein Wort zu sagen. Obwohl schon lahm, blind und taub, war der Weltverbesserer ein Despot. Es hatte einen bewundernswert unverständlichen Traktatverfaßt. Die Frau aber traktierte er nur. Endspiel einer Beziehung, wie es zu Bernhards Geschichten gehört. Mann und Frau, Herr und Knecht, Star und Statist. Aber in Edith Heerdegens Auftritten und in ihrem Schweigen, ihren schlurfenden Opfer-Gängen um den Thron des Weltverbesserers, ihrer verbissenen Hingabe an das Nebensächliche war ein becketthafter Abglanz der alten Tragödie: das Gretchen im Kerker, die Stuart vor dem Henker, „die Frau“ neben dem Weltverbesserer. Was für eine Hauptdarstellerin!

In Bernhards neuem Stück gibt es keine Frauenrolle mehr. Gleich am Anfang heißt es: „Mathilde ist von uns gegangen.“ Die Lebensgefährtin des Artisten ist gestorben: „Cardiomyopathie“. Am 13. Juli 1982 starb Edith Heerdegen. Es war ein Dienstag. „Ihr Todestag ist ein Dienstag“, erzählt Karl von Mathilde. Er nennt sie abfällig: „Lebensmittelhändlerstochter“. Edith Heerdegens Ehemann gehört ein Feinkostgeschäft in Stuttgart. Die Indizien häufen sich. Noch ein Stück für Bernhard Minetti? Der Schein trügt: Bernhards neues Stück ist vor allem eine Erinnerung an eine große Schauspielerin: Edith Heerdegen. „Der Schein trügt“: Nachruf, Nachspiel, Requiem.