Für Amerikaner, denen es auf dem Weg in die schöne neue Welt gar nicht schnell genug gehen kann, barg die zweite Januarwoche eine arge Enttäuschung. Am 8. des Monats hatte die New York Times berichtet: "Jeden Tag kann nun in Kalifornien ein Baby zur Welt kommen, das als erstes Kind der Erde sein Leben einer Prozedur namens Human-Embryo-Transfer verdankt." Nur vier Tage später veröffentlichte freilich die britische Wissenschaftszeitschrift Nature den Bericht eines australischen Gynäkologenteams, wonach ein auf solche Weise produziertes Baby – ein Junge – bereits im November in Melbourne geboren wurde: ein Kind mit zwei Müttern.

Anders als die Geburt des ersten künstlich außerhalb des Mutterleibs gezeugten Kindes ("Retortenbaby") vor fast sechs Jahren in England löste der Mensch à la Melbourne bislang kaum Schlagzeilen aus. Gewiß, bei Rindern, Schweinen und Schafen gehen die Embryos schon lange hin und her zwischen genetischen und "leiblichen" Müttern, die nur zum Austragen da sind. Und auch beim biologisch nicht so sehr weit entfernten Säuger Homo sapiens sind künstliche Befruchtung, auch mit anonym gespendetem Samen, sowie die Befruchtung im Reagenzglas mit anschließender Einpflanzung des Embryos in den Mutterleib fast Routine geworden. So meldeten die Kieler Universitätskliniken letzte Woche abermals "Retortendrillinge", drei Mädchen (die ersten Drillinge, Knaben, kamen am 29. Dezember zur Welt).

Aber die geschäftige Routine der Gynäkologen darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Manipulation der menschlichen Fortpflanzung mit der Melbourner Geburt in eine dritte Phase getreten ist, deren soziale und ethische Auswirkungen erst im Ansatz umrissen sind: Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit hat eine Mutter ein Kind geboren, mit dem sie genetisch nicht verwandt ist. Damit durchbrachen die Mediziner das vielleicht grundlegendste biologisch-soziale Prinzip der menschlichen Gesellschaft: Anders als der Mann war die Frau bis jetzt immer sicher, daß ihr Kind zur Hälfte ihr Erbgut besitzt. Zwar ist der Streit, wie weit das genetische Programm einen Menschen in seiner Persönlichkeit beeinflußt ("Natur oder Kultur"), längst nicht entschieden. Aber die biologische Komponente spielt mit Sicherheit eine sehr große Rolle.

Steht ein solcher Eingriff in die Fundamente menschlichen Selbstverständnisses einer Frau, einem Ehepaar, einer Gruppe von Ärzten zur beliebigen Verfügung? Die Antwort kann nicht leichtfallen. Denn vom genetischen Prinzip her ist die Verpflanzung einer fremden Eizelle (oder eines im Glas gezeugten Embryos) in die Gebärmutter einer Frau so wenig oder so sehr frevelhaft wie eine künstliche Befruchtung mit anonym gespendetem Samen (siehe ZEIT Nr. 2/1984). Und das Argument, einer unfruchtbaren Frau zum sehnsüchtig gewünschten Kind zu verhelfen, läßt sich nicht leichtherzig entkräften.

Der Melbourner Fall betrifft eine 25jährige, verheiratete Frau, deren Eierstöcke wegen einer Erkrankung keine Eizellen mehr produzieren. Die Forschergruppe um Carl Wood ging den einzig denkbaren Weg, der Frau zur zwar nicht genetischen, aber doch leiblichen Mutterschaft zu verhelfen. In einer Art "Adoption zum frühestmöglichen Zeitpunkt" gewannen die Mediziner eine andere Patientin, anonym eine Eizelle zu spenden (diese Frau befand sich in Behandlung, weil sie mit Hilfe der Reagenzglasbefruchtung ihre natürlich bedingte Unfruchtbarkeit zu überwinden hoffte – bis heute ohne Erfolg). Die gespendete Eizelle wurde im Glas erfolgreich mit dem Samen des Ehemanns der ersten Patientin befruchtet und der entstandene Embryo der Empfängerin dann in die – hormonell künstlich vorbereitete – Gebärmutter verpflanzt. Die Schwangerschaft verlief normal; das männliche Kind wurde auf Wunsch der Frau per Kaiserschnitt entbunden und konnte sogar von ihr gestillt werden.

Es sieht freilich so aus, als habe die Gruppe um Carl Wood den Pragmatismus – wieder einmal – über ethische Zweifel gestellt. Kurz nachdem ihre Patientin schwanger geworden war, verfügte der Premier des australischen’ Bundesstaates Victoria eine einstweilige Einstellung der Experimente mit gespendeten Eizellen. Günter Haaf