Von Heinz Michaels

Ganz allein steht er auf der weiten, schwarz verhangenen Bühne, die eben noch von der Rockgruppe „Rodgau Monotones“ und einem bunten Lichterwirbel erfüllt war: Hans Mayr, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall. Zwei Punktscheinwerfer, die sich durch die rauchgeschwängerte Luft bohren, unterstreichen noch seine Verlorenheit in der großen dunklen Halle; sein biederer Straßenanzug wirkt unangebracht inmitten der von Jeans und Sweatshirts beherrschten Szene.

Die hämmernden Rockrhythmen hängen noch im Ohr, als Mayr damit beginnt, seinen Zuhörern zu erläutern, warum sie sich an diesem Wochenende versammelt haben, „nämlich aktiv einzutreten für die 35-Stunden-Woche“. Doch die Gewerkschaftsparolen, gängiges Vokabular auf allen Betriebsversammlungen, klingen seltsam fremd und hohl in dieser Umgebung.

Die Stimmung lockert sich erst, als Hans Mayr, nervös mit seinem Manuskript hantierend, einige Blätter entgleiten und auf den Bühnenboden flattern, als er Bundeskanzler Kohl frontal angeht: „Die Lehrstellengarantie hat er nicht geschafft (Pfiffe und Buh-Rufe), den Aufschwung hat er nicht geschafft, die Neuordnung der Stahlindustrie und die Hilfe für die Werften hat er nicht geschafft.“ Mayr macht eine Pause: „Und uns wird er auch nicht schaffen,“

Jubelnder Beifall für den Gewerkschaftsvorsitzenden. „Zugabe“, brüllt einer, so wie bei den anderen Darbietungen dieses Abends. Gelächter begleitet Mayr in die Kulisse; die „Zupfgeigenhansel“ treten auf.

Mit zehn Mark waren sie dabei, zehntausend zumeist junge Leute in der Frankfurter Festhalle, dort, wo sonst Sechstagefahrer ihre Runden drehen oder Boxer sich um Punkte und k. o. schlagen. Viereinhalb Stunden mit Rock und Pop, mit Udo Lindenberg und Joan Baez, mit Multi-Media-Schau und Theaterszenen, wie man skeptische Kollegen überzeugt, und mit Sprüchen von Dietmar Schönherr: „Die Stimmung heute abend ist gut, aber der Kampf wird noch hart.“ Viereinhalb Stunden einten sie die roten Plaketten mit der goldenen 35-Stunden-Sonne.

Für die IG Metall war der Sonnabend letzter Woche der Auftakt ihres Kampfes um die 35-Stunden-Woche und der Mobilisierung ihrer Mitglieder. Gestandene Gewerkschafter mögen verwundert und verständnislos gewesen sein ob des turbulenten Geschehens – mehr Rock-Festival als Kundgebung nach dem gewohnten gewerkschaftlichen Ritual.