Die Supermacht und ihr einstiger Musterschüler: Reflexionen über das deutsch-amerikanische Verhältnis

Von Rolf Zundel

Die erste schreckhafte Vergegenwärtigung der Bundesrepublik: Das Bild des in gelassenem Gleichmaß fließenden Verkehrs auf den amerikanischen Highways überlebt den fordernden Appell der Lichthupen, den vorbeisausenden Strom der Fahrzeuge nicht. Die energischen Kinnpartien und die zielscharfe Konzentration deutscher Menschen am Volant: zunächst in spöttischer Distanz wahrgenommen, binnen kurzem imitiert. Viel schneller als erwartet, aber mit feuchtem Hemd – daheim.

Daheim in der Bundesrepublik? Die ersten Fernsehnachrichten bringen unumstößliche Gewißheit. Minister Norbert Blüm, Posaunenengel der Sozialpolitik, mit schütterem Haarkranz leuchtend in der Gloriole der Tagesschau, verkündet allen Menschen guten Willens die Botschaft von der vorgezogenen Altersruhegrenze, vom Pakt zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Regierung. Eine Vorstellung, die für Amerikaner, die solch hoheitlich-herzliche Darstellung des Gemeinwohls nicht kennen, schiere Blasphemie wäre. Bonner Korporatismus: vor der Folie amerikanisch-unsentimentaler Machtpolitik gewinnt er erst Gestalt.

Dann die Mitteilung des Sprechers, Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff habe sich entschieden, nicht zurückzutreten; er sei unschuldig und werde gebraucht. Punkt. Nichts als die dürre Nachricht. Keine Nachfrage bei ihm, kein Interview mit Freunden oder Gegnern von ihm, kein Kommentar. Die Regierung hat gesprochen. Unglaublich, aber wahr: Das amerikanische Fernsehen in seiner unangestrengten Direktheit und Aktualität hinterläßt Entzugserscheinungen.

Im Spiegel der Erfahrung des anderen wird das Eigene deutlich, tritt aus dem Dunkel der Gewohnheit hervor, wird fremd und fragwürdig. Und was sich darübergeschoben hatte, der Oberbegriff der freien Welt, die Gemeinsamkeit der parlamentarischen Demokratie, verschwimmt, wird unzureichend für die Schilderung jenes seltsamen Binnenverhältnisses, das die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik verbindet – und trennt.

"Die Bundesrepublik", schrieb der Historiker Waldemar Besson am Ende der sechziger Jahre in seiner heute noch lesenswerten Darstellung der Bonner Außenpolitik, "entstand als ein Produkt amerikanischer Strategie." Ein harter Satz, der nicht das ganze komplizierte Geflecht einer weitverzweigten Wirkungsgeschichte wiedergibt, aber eine Charakterisierung, die Wesentliches trifft.