Die grelle Neonröhre liegt so schräg in der Auslage, als wäre sie gerade heruntergefallen. Das Innere des Miniladens blendet vor lauter Weiß. Auch die verzitterte Aufschrift „V & V“, auf helles Plexiglas gesprayt und aus den grauen Fassaden der Wiener Lindengasse herausragend, zeigt an, daß es hier Ungewöhnliches zu kaufen gibt: Schmuck – aber keinen, der mit den teuren Juwelierboutiquen am Graben konkurrieren will.

Der Anblick ist bunt, das Material ungewöhnlich – dank seiner Gewöhnlichkeit – und anscheinend den Abfalleimern entnommen: Da kugeln zuweilen azurblaue oder orangefarbene Armreifen herum, die vormals Gartenschläuche waren; bemaltes Dosenblech, geschnitten und geschliffen, wird zu einer schicken Brosche. Die zierlichen Ohrgehänge bestehen aus feingewebter, buntgemusterter Seide. Der Halsschmuck, der sich wie die Krause eines Clowns ausnimmt, ist in Nylon gegossenes Seidenpapier.

Wer frech genug ist, klemmt sich die blutroten Plastiklippen so ans Ohr, daß das Ohrläppchen dazwischen wie eine Zunge heraushängt. Auch Edelstahl, Holz, Drähte oder Papiermache wurden zu kunstvollen Accessoires gestylt.

Der Zierat ist für jede Frau erschwinglich, er kostet zwischen fünf und 700 Mark. Die beiden Geschäftsinhaberinnen, Absolventinnen der Hochschule für Angewandte Kunst, wollten in Wien einfuhren, was in London oder Amsterdam die Museen als anerkannte Kunstobjekte füllt. Das Alternativgeschmeide nimmt mitunter Rücksicht auf den letzten Modeschrei: „Wir müssen“, meinen die Laden-Hüterinnen, „ein paar Kompromisse machen. Wir leben schließlich vom Verkauf.“

Zum Ausgleich betreiben sie im 6. Wiener Gemeindebezirk eine gleichnamige Galerie, in der sie nur „radikalen“ Schmuck und seine „Verselbständigung zum Kunstobjekt präsentieren“.

Sibylle Fritsch

Schmuckgeschäft „V & V“, Lindengasse 25, A-1070 Wien. Galerie „V & V“, Windmühlgasse 9, A-1060 Wien.