Große Dinge kündigen sich meist unmerkbar winzig an. Die Kernspaltung war vor 45 Jahren nur eine Laborkuriosität, und auch der Große Bruder muß einmal ganz klein angefangen haben. Gestärkt durch derlei philosophischen Tiefsinn, greifen wir heute viel andächtiger zu unserem Boulevardblatt-Horoskop. Vielleicht ist ja nicht nur etwas dran an dem Blick in die Sterne. Vielleicht entscheidet das bißchen Hellsehen, das Quentchen Übersinnlichkeit sogar das Schicksal der Erde?

Warum auch nicht. Wenn unsereins, und das ist doch ganz klar der Beweis, erst letzte Woche dank des Horoskop-Tips: „Unangenehme Überraschungen am Sonntag rechtzeitig die Verteidigungsvorbereitungen gegen den nicht angekündigten Besuch der Schwiegermutter treffen konnte, dann sind die Verteidiger unserer westlichen Freiheit ja geradezu verpflichtet, den siebten Sinn zu rekrutieren. Schließlich arbeiten die Sowjets, wie gut unterrichtete Kreise schon lange mahnen, seit Jahrzehnten in Geheimlabors hinter dem Ural an der fürchterlichsten aller Waffen: Sie versuchen, das zu nutzen, was im „Krieg der Sterne“ The Force genannt wurde – schiere Denk-Kraft.

Nun, da Präsident Reagan sein Star Wars-Konzept dargelegt hat, überrascht es uns wenig zu erfahren, daß auch das Pentagon eifrig an der Denk-Waffe arbeitet. Mit großer Freude lesen wir in der New York Times Details über die geistige Aufrüstung unseres großen Alliierten. Natürlich streitet das Pentagon alles ab, muß es ja, denn es ist ja eigentlich alles noch geheim. Aber gleich drei neue Bücher enthüllen aufregende Details aus dem kalten „Krieg des Geistes“ (oder sollte Mind Wars besser „Krieg der Geister“ heißen?).

Was daraus hervorgeht, schreibt die New York Times „ist ein Bild, in dem beide Supermächte versuchen, solche esoterischen Künste wie übersinnliche Wahrnehmung, Telepathie (Gedankenübertragung), Hellsehen und Psychokinese (geistiger Einfluß auf Objekte oder Ereignisse) in den Griff zu bekommen – alles im Namen der nationalen Verteidigung“. Sechs Millionen Dollar jährlich soll das Pentagon für die Nutzung der PSI-Phänomene auswerfen. Selbstverständlich hüten sich die Militärs, die verräterischen Begriffe offen zu nennen. Sie verwenden lieber komplizierte Begriffe aus dem Wissenschaftschinesisch, etwa „neuartige biologische Informationsübertragungssysteme“ anstatt „übersinnliche Wahrnehmung“. Immerhin durfte schon 1980 ein Oberstleutnant John B. Alexander in Military Review, einem Magazin des amerikanischen Heeres, mit einer Titelgeschichte über „Das neue geistige Schlachtfeld“ die wallenden Schleier vor dem militärisch Übersinnlichen etwas lüften: „Es gibt Waffensysteme, die auf Geisteskraft beruhen und deren tödliche Wirkung bereits demonstriert wurde.“

Nein, wir wollen uns hier und jetzt nicht totlachen, sondern mehr über die wachsende geistige Überlegenheit des Westens erfahren. „An jedem dritten Dienstag eines Monats im Herbst und Winter 1980“, berichtet Time Magazine, „trug in Washington ein Marineoffizier in unauffälliger Zivilkleidung eine Aktentasche, an die er mit einer Handschelle gefesselt war, in die Geschäftsräume von ‚Madame Zodiac‘, Hellseherin und Handleserin. Sie blickte auf höchst geheime Photos und Karten, wobei sie versuchte, die Manöver sowjetischer U-Boote vor der (amerikanischen) Ostküste vorauszusagen. Ihr Honorar: 400 Dollar in bar.“

Madame Zodiac scheint in der Tat bemerkenswerte Fähigkeiten zu besitzen. Denn Charlie Rose, ein demokratischer Abgeordneter des Repräsentantenhauses und Mitglied des Senatsausschusses für Geheimdienste, hält die Wahrscheinlichkeit eines „übersinnlichen Krieges für nur zu real“, wie die New York Times weiß, „und könnte eines Tages ein crash program für die Entwicklung (übersinnlicher Waffen) fordern, ähnlich dem Manhattan-Projekt zum Bau der ersten Atombombe“. Schließlich stiegen die Russen schon 1960 massiv in die parapsychologische Forschung ein, oder?

Gewiß, einige Zyniker verweisen darauf, daß auch in diesem Fall die Amerikaner zuerst an der Rüstungsschraube gedreht haben, indem sie seinerzeit versuchten, per Gedankenübertragung mit dem unterm Polareis getauchten Atom-U-Boot „Nautilus“ Kontakt aufzunehmen. Und könnte es vielleicht sogar sein, daß die amerikanische Regierung sich nur deshalb mit der Erforschung des Übersinnlichen abgibt, um die Sowjets auf eine falsche Fährte zu locken – „irreführende Propaganda, die die Kommunisten dazu verführen soll, ihre Mittel an solchen Projekten zu verschwenden“, wie ein Doktor Truzzi vom „Zentrum zur Erforschung wissenschaftlicher Anomalien“ vermutet?