Von Christian Buttgereit

Als David vor Michelangelo und für die kunstinteressierte Nachwelt die Hosen runterließ, gab es gerade neue Trends in Sachen italienischer Herrenmode. Die Hochrenaissance, das Cinquecento, brachte vollere Formen, weitere Schnitte und edelste Materialien.

Was gestern war, wird morgen ähnlich sein. Zumindest nach dem Willen der italienischen Modeproduzenten und der deutschen Einkäufer auf der 25. Pitti Uomo, der Herrenmodemesse für die Herbst/Winter-Saison 84/85. Harry, trotz seines englischen Namens ein Italiener und Michelangelos David nicht unähnlich, steht auch Modell. Er freilich darf die Hosen anbehalten. Muß es sogar, denn Harry ist ein Dressman. Er führt vor, was sein Brotgeber sich ausgedacht hat.

Einen blaßgrünen Lederpanzer zum Beispiel. Der gefällt den beiden Herren aus Köln auch ganz gut. Sie kommen Harry näher. Er öffnet die Jacke, macht eine kleine Drehung. Bei 90 Grad haben sie ihn gepackt, wutsch. Und greifen ihm in die Hose.

„Dat is’ ’n normale Fünfziger!“ sagt der eine Einkäufer aus Köln zu dem anderen Einkäufer aus Köln. Harry bleibt ungerührt berührt und schaut mit Dressman-Blick über die Kölner hinweg. Sagt der andere zu dem einen: „Is’ ’n rischtisch jute Modell!“

Damit ist nicht Harry gemeint. Er nimmt es auch nicht übel und außerdem versteht er kein Wort deutsch. Harry weiß, wie mit ihm seine Kollegen, wie die 200 Aussteller aus Italien, wie die Hundertschaften deutscher und internationaler Einkäufer. Hier geht es um die Mode, um die heiße Ware für den nächsten kalten Winter.