Das ist wie Werbefernsehen mit Handlung“, war der Kommentar eines jungen Mannes zu dem DEFA-Film „Ärztinnen“, der letzte Woche im Ost-Berliner „Kosmos“ Premiere hatte. Die meisten DDR-Bürger scheinen in der Tat von der exklusiven Ausstattung beeindruckt zu sein. Das Thema des Films läßt sie weitgehend kalt. Selbst der Rezensent der Berliner Zeitung (Ost) schrieb: „Denn daß im Wilden Westen Pharmakonzerne systembedingt auf Teufel komm raus auch Halberprobtes auf den Markt bringen, um im Parforcemarathon der Konkurrenz eine Nase zu drehen, tangiert mich nur bedingt.“ Er setzte hinzu: „Doch das Problem „Verantwortung, Risiko, Zwangsläufigkeit, Nutzen, Eigennutz’ berührt mich stark.“

Vorlage für Autor und Regisseur Horst Seemann war das gleichnamige Theaterstück von Rolf Hochhuth, Koproduzenten sind die West-Berliner Manfred Durniok-Produktion, das Schwedische Fernsehen und der Monopolfilm Zürich. Hauptakteure sind zwei Frauen. Eine ehrgeizige Ärztin (Judy Winter) macht ein Experiment an einer Patientin, um ihre Forschungsarbeit weiterzubringen. Die Patientin stirbt, der Ärztin droht ein Prozeß. Ihre Mutter (Inge Keller), ebenfalls Ärztin, arbeitet bei einem Chemiekonzern, der noch nicht ausgereifte Produkte mit lebensgefährlichen Nebenwirkungen zum Erproben freigibt.

Die DDR-Presse lobt den Film. Für Neues Deutschland ist es ein „Film großer schauspielerischer Leistungen“, die Berliner Zeitung nennt ihn „das filmischste Kinostück Seemanns“.

„Es ist ein gut gemachter Film“, meinte eine Ärztin, „nur – es sind nicht unsere Probleme. Bei uns müssen Chemiekonzerne sich nicht Konkurrenz machen, sie gehören eh alle dem Staat. Und um meine Stellung brauche ich mich nicht zu ängstigen, allerdings verdiene ich auch nicht den Bruchteil von dem, was die beiden da im Film verdienen. Wie die wohnen! Da wird geritten, und wenn Auto, dann natürlich Mercedes, und die Klamotten, die die am Leibe tragen. Davon kann unsereins ja nur träumen.“

Der jungen Frau, mit der ich mir den Film ansah, gefiel der viele Glamour nicht. „Das ist mir zuviel Torte, kein kleines Stückchen Pflaumenkuchen dabei.“ Nein, sie glaube nicht, daß das nur so gemacht war, um die Zuschauer in der DDR abzustoßen, ihnen zu zeigen: lieber grau und ärmlich, dafür aber moralisch sauber. „Ich kann mir genau vorstellen, wie es denen von der DEFA Spaß gemacht hat, in Frankfurt am Main, Innsbruck, Stockholm zu drehen, endlich mal aus dem vollen zu schöpfen, nur das Teuerste und Beste zu zeigen.“ Und so moralisch verkommen fand sie die beiden Frauen nun auch wieder nicht. „Immerhin leidet die jüngere Ärztin doch selber darunter, daß sie mitschuldig am Tod des jungen Mädchens ist. Und die ältere verliert sogar ihre Stellung, weil sie ein lebensgefährliches Präparat nicht verteidigen will. Das ist doch sehr menschlich. Richtig unangenehm sind doch nur der Chefarzt und natürlich der Firmenboß.“

Die Ärztin ergänzte: „Da zeigen wir einen Film über die üblen Machenschaften westdeutscher Chemiekonzerne, und fast zur gleichen Zeit wird verfügt, daß Medikamente dieser Konzerne bei uns eingeführt werden dürfen. Wer ein westliches Medikament haben will, braucht sich nur ein Rezept bei einem DDR-Arzt zu holen und an Freunde oder Verwandte im Westen zu schicken, die kaufen es beim Apotheker und schicken es zusammen mit dem Rezept in die DDR.“

„Ärztinnen“ soll auf der Berlinale gezeigt werden. „Der Film ist es sicher wert, er ist gut gemacht“, meinte ein junger Ost-Berliner. „Ich verstehe nur nicht, warum wir da Filme zeigen müssen, die die Probleme der Westdeutschen behandeln. Als ob wir selbst keine hätten...“

Marlies Menge