München

Für Franz Josef Strauß ist alles nur eine „unliebsame Begleiterscheinung“. Alle sechs Jahre, wenn in Bayern wieder kommunale Parlamente gewählt und lokale Pfründen vergeben werden, grassieren nach Ansicht des CSU-Chefs im weißblauen Freistaat wieder „Profilsucht, Gehässigkeit, Rivalität, übertriebener Ehrgeiz und die Sucht, von sich reden zu machen“. Denn dann, so Strauß beim oberbayerischen Bezirksparteitag in Ingolstadt, zerbricht die „politische Kampfgemeinschaft“ CSU wieder in kleinkarierte Interessenklüngel, wobei dann so manches Parteibuch per Einschreiben zurückkehrt in die Münchener CSU-Zentrale.

Das Austrittsfieber geht um kurz vor der bayerischen Kommunalwahl am 18. März. Und diesmal hat es bei der CSU eine bisher unbekannte Qualität und Quantität erreicht. „Die große Austritswelle ist da“, meint Franz Handlos, der bei der Bundestagswahl 1983 in Niederbayern mit 73,6 Prozent „Stimmkönig“ wurde, der im Sommer aus Protest gegen den von Strauß vermittelten DDR-Kredit aus der CSU austrat und der seit Ende November den „Republikanern“, einer neuen Partei, vorsteht. Handlos ist heute davon überzeugt, daß sein Grund, die CSU zu verlassen, auch für die meisten anderen Abtrünnigen gilt: „Strauß hat den Bogen überspannt“, meint er, „der hält sich für allmächtig“,

Hat Handlos, den die Süddeutsche Zeitung wegen seines Kampfes für das Recht der kleinen Leute den „Robin Hood im Bayerischen Wald“, nannte, doch recht mit seinem Vorwurf von der „Ein-Mann-Demokratie“ CSU? Mag sein, doch der eine Regent ist sicher nicht allein Franz Josef Strauß. Oft sind es alternde Parteikämpen, die irgendwo fernab der Hauptstadt und außerhalb der Reichweite des langen Arms der CSU-Landesleitung plötzlich die Kritik junger Nachwuchspolitiker spüren, die es mit Worten allein nicht bewenden lassen. Auch Posten müssen her, doch auf denen sitzen die Alten. Daß die wiederum oft neben der Sorge um sich selbst auch die Sorge um ihre Partei und deren Mehrheit quält, hebt den Streit erst auf die Demokratie-erhaltende Ebene und legitimiert die Akteure, ihn öffentlich auszutragen.

So vorletzte Woche in Gabiingen, einem Vorort von Augsburg, wo sich schon im vergangenen Jahr eine „Christlich-Soziale Mitte“ (CSM) von der Stadtratsfraktion abspaltete. Im Vorort schickten jetzt Bürgermeister Pius Kaiser, der seit 17 Jahren amtiert, und 31 weitere CSU-Mitglieder ihre Parteibücher zurück. Der Grund: Kaiser hatte die Mehrheit in seiner Partei verloren, nachdem deren Mitgliederzahl unter dem Ortsvorsitzenden Oswald Metz von 39 auf 93 gestiegen war. Metz zurückhaltend: „Wir sind mit Kaisers Leistung als Bürgermeister unzufrieden.“

Der Begriff Demkratie“ taucht immer wieder auf beim Bruderzwist in der CSU. Wie in der Domstadt Freising, wo neun der 23 CSU-Stadträte gegen das Machtstreben der Jungen aufbegehrten und abtrünnig wurden. Sie gründeten den „Freisinger Block“, eine Bürgervereinigung mit über 300 Mitgliedern, und warten noch immer darauf, daß das gegen sie laufende Ausschlußverfahren endlich entschieden wird. Für Gerd Völlinger, den früheren CSU-Kreisvorsitzenden, steht fest: „Wenn eine Partei lange über eine gesicherte Mehrheit verfügt, steigt die Zahl derer, die sich ins gemachte Karrierebett legen wollen.“

Daß die, die drinnen warm liegen, nie raus wollen aus den Federn, halten die Dissidenten allenthalben für ebenso natürlich. So fühlt sich Egon Weinzierl, der zweite Bürgermeister in der niederbayerischen 3000-Einwohner-Gemeinde Hunderdorf, von „Ellbogenmentalität“ und „Ehrgeiz“ der Jungen Union derart an die Wand gedrückt, daß er Zuflucht bei den Freien Wählern sucht. Im oberpfälzischen Neustadt an der Waldnaab will Christian Kreuzer, der seit 1949 amtierende dienstälteste Landrat Bayerns, einen Pakt mit der Christlichen Wählergemeinschaft eingehen, weil ihm seine CSU nicht einmal einen Stadtratssessel als Altenteil gewährt.