Von Gerhard Seehase

So unmöglich es ist, an der Burg Bentheim vorbeizusehen, so schwer fällt es, die Stadt Bad Bentheim einfach links liegen zu lassen auf dem Weg nach Holland. Denn wo gibt es das schon, eine Felsenburg mitten in Norddeutschland? Das Bild der hochragenden Burg fasziniert und zwingt selbst den eiligen Touristen zu einem Abstecher.

Und dann plötzlich findet man sich in einer kleinen Stadt wieder, in der die durchaus richtig gehenden Uhren offensichtlich ein wenig langsamer ticken. Und der Mann mit dem zerknitterten Gesicht, der mir in der Kneipe am Bismarckplatz gegenübersitzt, ist beim dritten Bier sogar bereit zu schwören, daß man bei schlechtem Wetter in Bentheim den Regenschirm verbieten würde, falls er die Sicht auf die Burg verdecken sollte-

Nun, die Bentheimer haben gegenüber dem Fremden ihre Geschichten, in denen häufig der Schalk mitspielt. Was indes nicht heißen soll, daß alle diese Geschichten falsch sind. Und alles kann dieser Stadt – mit ihren fünf Museen, einem weltberühmten Heilbad, einem Freilicht-Theater und einem Spielkasino – passieren, nur dies nicht: daß nämlich einer mit einer dicken Brieftasche die Erlaubnis bekäme, die Sicht auf die Burg zu versperren. Und wenn er den Bentheimern ein Hochhaus im Stadtzentrum schenken würde.

Die Bentheimer haben immer schon sehr penibel darauf geachtet, daß nichts, aber auch gar nichts, den Blick auf die Burg verstellt. Nicht einmal die Kirchtürme.

So ist es schon dem niederländischen Maler Jakob Ruisdael ergangen, als er Bentheim kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg zum ersten Mal besuchte: Die Burg war sein erstes und gleichzeitig bleibendstes Erlebnis. Insgesamt siebzehnmal hat er diese mächtige Schutz- und Trutz-Anlage gemalt. Am bekanntesten ist das Gemälde aus dem Jahr 1653, das die Südseite zeigt.

Der moderne Tourist, der sich im Auto aus Richtung Osnabrück dem Städtchen auf der Bundesstraße 65 nähert, hat indes nicht mehr den Rücken des gemütlichen Kutschers, sondern die Rückfront schwer zu überholender Lastwagen (meistens mit holländischem Kennzeichen) vor sich. Die Landschaft wird verdeckt. Aber dann, wenn man kurz vor Bentheim einbiegt in die Bahnhofstraße in Richtung "Stadt-Zentrum", ist die Hektik, die einen auf den letzten zwanzig Kilometern seit Schüttorf begleitet hat, plötzlich wie weggewischt.