Von Vittorio Magnago Lampugnani

Nur allzu gern werden Nationalsozialismus und Faschismus als isolierte Betriebsunfälle der europäischen Geschichte dargestellt. Solch verharmlosende Sicht sucht mit Vorliebe Bestätigung in äußeren Erscheinungsformen – zum Beispiel in der Architektur. Gebautes ist sichtbar, anfaßbar; das Böse wird anschaulich: Der Mythos einer „faschistischen“ oder „nationalsozialistischen“ Architektur wird beschworen, die sich politisch, also zeitlich, geographisch, personell und stilistisch definieren lasse.

Diese Auffassung ist töricht und irreführend; vor allem aber ist sie historisch falsch.

Die architektonische Selbstdarstellung der totalitären Regierungen in den zwanziger und dreißiger Jahren wird mit dem Neoklassizismus identifiziert: Strenge geometrische Ordnungen, klar geschnittene, schwere Volumina, hohe Säulenreihen und rhythmische Sequenzen gleicher Fenster spiegeln angeblich die politischen Ideale von Faschismus und Nationalsozialismus wider. Die Autorität der geschichtlichen Form soll jene des Staates stützen.

Eine so simple Gleichsetzung von architektonischer Form und ideologischem Inhalt läßt sich, so einleuchtend sie auf den ersten Blick auch erscheint, nirgends wiederfinden. Beispiel: Italien. Mussolini entdeckte nach seinem „Marsch auf Rom“ den Wert des antiken Römischen Imperiums und dessen baukünstlerischer Zeugnisse als anschauliche Legitimation für sein abenteuerlich errichtetes Regime: Zwischen 1924 und 1938 unterstützte er viele archäologische Unternehmungen in Rom und Umgebung, um die Spuren der vergangenen Größe, auf die er sich bezog, offenzulegen. Ansonsten aber wußte das faschistische Regime kaum, was es im kulturellen Bereich eigentlich wollte.

Dies ermöglichte bis tief in die dreißiger Jahre hinein die Entwicklung der rationalistischen Moderne neben dem Neoklassizismus. Die erste Ausstellung der Rationalen Architektur, 1928 in Rom, stand unter der Schirmherrschaft der faschistischen Gewerkschaft der Architekten; die zweite, 1939 in der Galerie von Piero Maria Bardi, eröffnete Mussolini selber mit einem Vortrag. Am selben Tag wurde dem Duce das Manifest für die Rationale Architektur feierlich übergeben: „Die Architektur der Zeit von Mussolini muß den Eigenschaften der Männlichkeit, der Kraft, des Stolzes der Revolution entsprechen. Die alten Architekten sind Wahrzeichen einer Impotenz, die uns nicht paßt ... Wir erbitten das Vertrauen von Mussolini, damit er uns Gelegenheit zu bauen gibt. Wir sind fünfzig junge Leute, die mitten im Unverständnis und in der systematischen Opposition jener, die Geschäfte nicht abgeben wollen, in vier Jahren sechs Häuser realisiert haben ... Um eine architektonische Erneuerung zu bewirken, ist es notwendig zu bauen. Man glaube nicht, wir fragten, um zu verdienen, sondern wir tun es nur, um eine faschistische Idee auszudrücken.“

Zur Gruppe, die hinter diesem Manifest stand, gehörten die wichtigsten Exponenten der italienischen sachlichen Moderne: Adalberto Libera, Luigi Figini, Gino Pollini, Giuseppe Terragni. Es ist kein Zufall, daß einer der wichtigsten Bauten des italienischen Rationalismus, inzwischen verschämt in „Casa del Popolo“ umgetauft, ursprünglich „Casa del Fascio“ hieß und von Terragni in Como 1932/36 als ein elegantes faschistisches Parteihaus errichtet wurde.