Was das Attentat von Sarajewo für den Ersten Weltkrieg war, war eine Handelsblatt-Meldung für die Westdeutsche Landesbank (WestLB). Die Schüsse von Sarajewo waren der Auslöser für vier Jahre Krieg, die Zeitungsmeldung der Auslöser für eine neue Krise bei der leidgeprüften Düsseldorfer Bank. Das Blatt hatte am Montag, dem 16. Januar 1984 berichtet, die Eigentümer der Bank wollten jetzt die Konsequenzen aus verlustreichen Engagements im Kredit- und Beteiligungsgeschäft ziehen und sich von zwei Vorstandsmitgliedern trennen. Namen wurden nicht genannt.

Nun waren die Eigentümer am Zuge: Das Land Nordrhein-Westfalen (43,3 Prozent), die beiden Sparkassenverbände des Landes (33,3 Prozent) und die beiden Landschaftsverbände der Kommunen (23,4 Prozent). Hätten sie sofort dementiert, wäre wahrscheinlich alles geräuschlos zu erledigen gewesen. Sie taten es nicht und begaben sich in Zugzwang. Noch in der Nacht zum Dienstag beschloß der Präsidialausschuß des Verwaltungsrats (des Aufsichtsgremiums), daß der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Vinzenz K. E. Grothgar und Vorstandsmitglied Heinrich Viefers ihren Hut nehmen müßten.

Daß der 49jährige Grothgar gefeuert wurde, halten die meisten (wenn auch nicht alle) mit der Bank vertrauten Beobachter für eine richtige Entscheidung. Alle aber sind der Meinung, daß der 56jährige Viefers ein Stellvertreteropfer bringen mußte.

Ein Urteil über diese Urteile läßt sich nur gewinnen, wenn man die vier entscheidenden Entwicklungsetappen dieser krisengeschüttelten Bank Revue passieren läßt. Denn anders als bei privaten Banken rollten bei der WestLB in jeder Krise Vorstandsköpfe.

Es ist zwar ein Ammenmärchen, daß Ludwig Poullain, der Vater und erste Vorstandsvorsitzende der WestLB, eine Bank so schön und so groß wie die Deutsche Bank schaffen wollte. Richtig ist, daß er in der Aufbruchstimmung von 1969 eine starke öffentlich-rechtliche Kreditwirtschaft erträumte, in der die WestLB eine Führungsrolle übernehmen sollte. Größe war dabei freilich nicht gerade hinderlich.

Poullain schuf eine Bank, die nicht mehr wie ihre Vorgängerin, die Rheinische Girozentrale, ihre Liquidität einfach der Deutschen Bank lieh, sondern selbst Kredite geben wollte. Als Girozentrale für die Sparkassen des Landes konnte sie jedoch nicht in die Sparkassendomäne der kleinen und mittleren Kundschaft einbrechen. Sie wandte sich dem Großkreditgeschäft zu.

Von 1973 an wuchs Poullains Ehrgeiz parallel mit dem Zwang, die industriellen Großkunden ins Ausland zu begleiten. Er holte Walter Seipp, derzeit Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, in den Vorstand, damit er das Auslandsgeschäft auf- und ausbaue. Die ruhige Entwicklung wurde im Februar 1974 jäh unterbrochen, als im Anschluß an eine Schieflage der Bank im Devisenhandel Vorstandsmitglied Helmut Lipfert mit 49 Jahren vorzeitig in Pension geschickt wurde. Die Bank verdaute den Verlust aus eigener Kraft und widmete sich mit Hingabe dem Auslandsgeschäft. Sie ging mit einer Tochter nach Luxemburg, mit einer Mehrheitsbeteiligung nach Paris, mit einer Beteiligung am Banco de Bahia nach Rio und schließlich mit der WestLB Asia nach Hongkong, mit Niederlassungen nach London, New York und Tokio.