Wenn ein Naturereignis uns zu demütigen Kreaturen zusammensetzt

Von Reiner Luyken

Achiltibuie

Haben Sie schon einmal einen Sturm erlebt? – Nicht einen Sturm, der hier und da etliche Baugerüste umblies und von dem der Lokalteil der Tageszeitung hinterher berichtete, wieviel tausend Mark Schaden er angerichtet hat; nein, einen richtigen, elementaren Ausbruch der Natur, der so gewaltig und gottserbärmlich über die Welt hinfuhr, daß es Sie in Ihrer pflegeleichten Wolljacke der Zivilisation fröstelte und Ihr metaphysisches Ego zu klappern begann wie eine ausgebeulte, halb leere Sparbüchse?

Falls Sie ein Seefahrer sind, wissen Sie natürlich, wovon ich spreche: von jenem Naturereignis „Sturm“, das uns windige Menschenwürmer, uns Heroen der Naturbeherrschung, auf einen Schlag zu hilflosen, demütigen Kreaturen zusammenstutzt. Lassen Sie mich schildern, wie sich das auch zu Lande abspielen kann.

Am Montag nachmittag, dem 2. Januar, beginnt das Barometer einen freien Fall ins Bodenlose. Mit etwas Geduld kann man der Nadel richtiggehend zuschauen, wie sie Strich um Strich von 990 auf 980 Millibar fällt, die Buchstaben TIEF durchkreuzt, den Meßbereich des Instruments verläßt und an, der Aufschrift Präzisions Barometer Sundo vorbeistreift. Dann dringt sie von unten her in den Hochbereich ein und klettert bis zur Ziffer 1048. Das entspricht einem Luftdruck von 953 Millibar.

Wir befinden uns in Achiltibuie an der schottischen Nordwestküste, dem zugigsten Gestade Europas. Die Wetterstation auf dem 1300 Meter hohen Ben Nevis mißt hier im Jahresschnitt 261 Stürme von über 80 Stundenkilometer Geschwindigkeit. Am Butt of Lewis, dem Kap Horn Europas, das sich in Sichtweite von Achiltibuie jenseits der großen Minch in die atlantische Dünung duckt, bewegen sich die Lüfte den dritten Teil aller Zeit, vier volle Monate im Jahr, mit Stärke 8 oder mehr auf der Windmeßskala, die der englische Admiral Sir Francis Beaufort im Jahr 1806 aufstellte. Man weiß hier also, was es zu bedeuten hat, wenn das Barometer sturzartig fällt und gleichzeitig eine Brise aus Osten auf Süd und dann auf Südwest umspringt. Man zum alles lose Gut fest, man vertäut die Boote auf der Heilige und überprüft die Ankerketten der Schiffe im Hafen, wenn die winterlich tiefstehende Sonne dann verwässert-schal ihre letzten Strahlen durch die von Westen heranrückenden Schichtwolken schickt. Das gehört zur Routine des täglichen Lebens.