Die Bonner Affären: Chancen demokratischer Selbstreinigung

Von Theo Sommer

Im Umgang mit Skandalen sind die Deutschen seit jeher unsicher. In den Augen vieler Zeitgenossen stören die öffentlichen Ärgernisse bloß Ruhe und Ordnung; erschrocken verfluchen sie jene, die den Dreck ans Tageslicht zerren. Die Über-Sensiblen stoßen lieber gleich das ganze System in den Orkus: die Parteien, die Wirtschaft, "die da oben". Wie steht Deutschland wieder da, jammern die einen; als zähle allein eines: den Schild blank zu halten, gleichgültig, wie es dahinter aussieht. Lobbyismus und Filz-Virtuosität beklagen die anderen; als ließe sich vermeiden, daß die politischen und gesellschaftlichen Institutionen der Menschen so fehlsam sind wie sie selber.

Diese widersprüchlichen, widersinnigen Reaktionen sind auch jetzt zu beobachten. Der Schatten zweier Skandale hat sich über die Republik gebreitet. Abermals ringen die Robusten die Hände: Laßt doch lieber die Leichen im Keller verwesen! Die Empfindsamen jedoch, die den Gestank nicht aushalten können, wenden sich angewidert ab von dem Gebäude, in dem demokratisch verfaßte Macht angesiedelt ist. Doch recht haben sie alle nur in einem: Die Skandale sind von der anrüchigsten, saftigsten Art, die man sich vorstellen kann.

Minister auf dem Hochseil

Da ist die Flick-Affäre, mit der sich ein Untersuchungsausschuß des Bundestages seit voriger Woche beschäftigt. Dahinter steckt der schamlose Versuch eines Großunternehmens, sich die Gewogenheit, um nicht zu sagen: Gefügigkeit maßgeblicher Politiker mit barem Geld zu erkaufen – und zwar unversteuertem Geld aus "schwarzen Kassen". Dies ist der Kern. Um ihn herum drapieren sich andere Elemente: die Finanzmisere aller Parteien und die gesetzeswidrigen Praktiken, auf die sie verfielen, um ihr zu entgehen; die dubiose Steuerbefreiung für einen Teil des Erlöses, den der Flick-Konzern bei der Veräußerung von 29 Prozent der Mercedes-Aktien eingestrichen hat; im Zusammenhang damit die Rolle des Bundeswirtschaftsministers Graf Lambsdorff.

Wie jeder Skandal, so spitzt sich auch der Flick-Skandal auf ein rituelles Menschenopfer zu. Für die Medien, die Staatsanwaltschaft, die Opposition ist es schon ausgemacht: Lambsdorff ist das Opfer. Der Graf jedoch, dessen persönliche Ehrenhaftigkeit auch seine Gegner nicht bestreiten, kämpft wie ein Löwe. Er sieht in den Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft Konstruktionen von hanebüchener Leichtfertigkeit. Er glaubt nicht, daß die Richter auf solch schütterer Grundlage das Hauptverfahren gegen ihn eröffnen könnten. Er hält es für ausgeschlossen, daß die Staatsanwaltschaft, käme es wirklich zum Verfahren, den Beweis ihrer Behauptungen anzutreten vermöchte. Er weiß sich unschuldig und will deshalb nicht das Opfer werden. Er meint, dem Lande einen Dienst zu erweisen, wenn er im Amte zeigt, daß nichts an dem Anwurf der Bestechlichkeit sei. Es ist ein mutiger, doch riskanter Akt auf dem Hochseil. Auch bei der eigenen Truppe wachsen die Zweifel, ob Lambsdorff durchhalten kann. Das Publikum aber verrenkt unten die Hälse und giert nur darauf, daß er die Balance verliert und abstürzt.