Moringen/Kreis Northeim

Manch ehrenwerten Bürgern in der deutschen Provinz fällt es immer noch schwer, mit dem Wissen zu leben, daß es hierzulande vor vierzig, fünfzig Jahren Konzentrationslager gegeben hat. Wer daran erinnert, gerät leicht in Gefahr, als "Nestbeschmutzer" verfemt zu werden. Mit Drohungen sogar versucht man ihn einzuschüchtern oder zum Schweigen zu bringen. Solches widerfuhr jüngst dem Lehrer Detlev Herbst aus der niedersächsischen Gemeinde Uslar-Volpriehausen. Er hatte, zur Aufklärung der Bürger und aus Ehrfurcht vor den Opfern, eine Chronik des KZ Moringen verfaßt und in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen veröffentlicht.

Der Name Moringen ging im letzten Sommer durch die Weltpresse. Zur 1000-Jahresfeier dieser Stadt war eine offizielle Stadtchronik erschienen, in der die Gewalttaten der Nazis verharmlost wurden: Die Ausschreitungen gegen die Juden in der berüchtigten "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938 wurden als Folge jüdischer Provokationen hingestellt, Hitlers Aggressionskrieg zum "Selbstbehauptungskrieg" bagatellisiert. Obwohl die Moringer von 1933 bis 1945 ein KZ in ihren Mauern hatten, suchte man dieses Wort in der Chronik vergebens. Zwar wurde ein "Jugendschutzlager" erwähnt, nicht jedoch, daß dort in fünf Jahren mindestens 54 Jugendliche umgekommen sind.

Das Echo war verheerend, aber erst, nachdem schon 1000 Stück verkauft waren und die DKP Alarm geschlagen hatte. Heinz Galinski, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde zu Berlin, protestierte beim niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht. Daraufhin mußte sich die niedersächsische Landesregierung öffentlich von der Stadtchronik distanzieren, die dem Ruf der Stadt Moringen, dem Lande Niedersachsen und der Bundesrepublik großen Schaden zufügen könne.

Nur zögernd und unter beschämenden Begleitumständen brachte die Stadt diese Sache in Ordnung. Bürgermeister Willi Leonhardt (CDU) hätte die Auseinandersetzungen am liebsten hinter verschlossenen Türen geführt. Erst als die SPD-Fraktion die Entlassung des verantwortlichen Stadtarchivars Dr. Walter Ohlmer verlangte und der Landkreis Northeim einen Druckzuschuß von 3000 Mark zurückforderte, kam Bewegung in die Szene. Der Archivar trat "aus Gesundheitsgründen" zurück. Schließlich entschuldigte sich der Stadtrat in öffentlicher Sitzung für die peinliche Chronik, erkannte auch an, daß in Moringen tatsächlich ein KZ, wenn auch kein Vernichtungslager existiert habe. Freilich bedurfte es zu diesen Beschlüssen erst einer Kampfabstimmung. SPD und je ein Grüner und ein Freier Demokrat konnten mit einer Stimme Mehrheit die Reputation der Stadt retten. Die CDU mochte nicht mitstimmen, und ein anderer FDP-Ratsherr stimmte sogar mit Nein – für ihn gab es nichts zu entschuldigen.

Inzwischen hatte sich Lehrer Herbst darangemacht, nach Quellenstudium und Gesprächen mit ehemaligen Lagerinsassen, jenes zeitgeschichtliche Kapitel der Chronik zu schreiben, das die Stadt selber nicht zuwegegebracht hatte. Er konnte nachweisen, daß bereits am 8. April 1933 ein Konzentrationslager eingerichtet wurde – es nahm mehrere hundert politische Gefangene aus der ganzen Provinz Hannover auf. Seit Ende 1933 wurde Moringen als zentrales Frauenkonzentrationslager fortgeführt, es war einer der Vorläufer des KZ Ravensbrück.

1939 dann wurde das KZ Moringen in ein sogenanntes Jugendschutzlager umgewandelt. Eingeliefert wurden 16- bis 21 jährige: angeblich verwahrloste Jugendliche, kleine Ladendiebe, Homosexuelle und Aussteiger, Hitlerjungen, die einer Jüdin beim Einkaufen geholfen, Swingboys, die Jazzplatten gehört hatten. Chronist Herbst berichtete lauter Dinge, die ältere Moringer unangenehm berührt haben müssen, denn sie sahen ja täglich die Gefangenen unter SS-Bewachung marschieren: Es wurde im Lager geprügelt, es wurden Häftlinge umgebracht. Und Rüstungsindustrie und private Unternehmer waren hocherfreut über die billigen Arbeitskräfte. Wegen der unmenschlichen Haftbedingungen, denen Hunderte, zeitweilig mehr als tausend junge Menschen hier ausgesetzt waren, hat der Bund – wenn auch erst 1977 – das Jugendschutzlager Moringen amtlich als Konzentrationslager anerkannt.