Von Hanno Kühnert

In einem grünen Holzkahn voller Fischernetze näherten sich zwei aufgeregte Schwarze dem ungewohnt großen Segelschiff, das in der Nachmittagssonne dümpelte. Der Dreimastschoner "Anny von Hamburg" lag in einer einsamen Bucht der britischen Karibik-Insel Tortola. Besatzung und Gäste dösten an Bord oder plagten sich mit den beiden Surfbrettern herum, von denen der eine oder andere Gast in der sanften Brise immer wieder ins warme Meerwasser fiel. Die beiden Fischer störten den Tourismusfrieden. Sie brüllten auf englisch, das Schiff solle verschwinden, es dürfe nicht in ihren Fischgründen ankern. Drohend ruderten die Schwarzen unter die Reling, bitterböse kämpften sie um ihren Arbeitsertrag. Der Kapitän des deutschen Seglers, Rudolf Granderath, ein blonder, bärtiger Recke wie aus dem Kapitäns-Bilderbuch, brüllte erstmal zurück und verwies auf sein Handbuch, das das Ankern in dieser Bucht ausdrücklich erlaubte. Nach einigem Geschrei wurde der Zank leiser; der Kapitän zeigte Verständnis für die Fischer. Man einigte sich, die Bucht ein paar Stunden zu verlassen und später dann einige von den gefangenen Bonitos zu kaufen. Abends dünstete der Schiffskoch sieben Bonitos, die er mit Zwiebeln und Kräutern gefüllt hatte. Nie gab es besseren Fisch.

Die Szene spielte auf den Jungferninseln (Virgin Islands). Das adrette Segelschiff "Anny von Hamburg", ein Kleinod in mehrfacher Hinsicht, wird künftig kaum mehr im feuchtgrauen Hamburger Hafen schaukeln, sondern während des deutschen Frostwinters in subtropischen Buchten rasten, die mit ihren grünen Palmen, dem weißen Strand, den klaren, türkis- bis tiefblauen Wassern so unverschämt den Prospektklischees ähneln, ja sie durch schlichte Realität verblassen lassen. Wenn der warme karibische Wind den Dreimastschoner unter vollen Segeln durch die See treibt, wenn die Fische aus dem Wasser flitzen und die Pelikane sich hungrig ins Meer stürzen, dann kennt das Lebensgefühl kaum noch Grenzen.

Das geruhsame Dasein als Luxusyacht war dem Segelschiff "Anny" nicht ins Logbuch geschrieben. Als prosaischer Frachtsegler aus Stahl und Holz verließ sie schon 1914 die Werft C. Lühring in Hammelwarden an der Unterweser. Die erste Reise führte den Dreimastschoner nach St. Petersburg, wo er vom Krieg überrascht wurde. Als besseres Wrack gelangte das Schiff Anfang der zwanziger Jahre nach Hamburg zurück und wurde 1925 wieder in Ordnung gebracht und mit einem Zweitaktmotor versehen. Nun war die "Anny" ein "Schraubenmotorschiff" und hieß "Hanna". Als "Kurt Both" fuhr sie dann Zement zwischen Bremen und Helgoland, zum Festungsbau der Marine. 1950 verlängerte eine Werft das Schiff um acht Meter und machte aus ihm ein zeitgemäßes, aber plumpes Motorschiff. Als "Ringö" geriet die "Anny" dann in schwedische, später in finnische Hände, wo sie schließlich "Kümo" hieß.

Für einen Kunden suchte um 1980 der Kaufmann, Makler und Segelenthusiast Jörn Deistler ein altes Segelschiff, das wieder in den Urzustand versetzt werden sollte. Als er die "Anny" im schwedischen Karlskrona fand, zum Teil ausgebrannt, den Maschinenraum halb unter Wasser, bereits bei einer Abwrackwerft angemeldet, kaufte er es kurzentschlossen, als er vom Alter des Bootes und von seiner Hamburger Herkunft erfuhr und als er an Hand alter Pläne sah, daß die "Anny" nicht nur ein stolzes Segelschiff, sondern ein erhaltenswertes Denkmal vormaliger norddeutscher Schiffsbaukunst war. Allerdings waren die Hafenmeister der skandinavischen Häfen erstmal froh, daß sie das gräßliche Schiff loswurden.

In abenteuerlicher Fahrt brachte Deistler das notdürftig instandgesetzte Boot "auf eigenem Kiel" nach Hamburg, wo es nach 23jähriger Abwesenheit wieder unter seinem ursprünglichen Namen in das Schiffsregister eingetragen wurde. Drei Firmen und der Eigner machten sich daran, den Schoner nach Originalplänen liebevoll aufzubauen, diesmal aber nicht als Frachter, sondern als Luxuspassagierschiff. Die ursprüngliche Länge von etwa 32 Metern wurde wieder hergestellt, aus Dänemark kamen drei kräftige hellbraune Holzmasten aufs Boot. Der frühere Laderaum nahm fünf Doppelkabinen und einen großen Salon mit Küche auf.

Die "Anny" ist mit Sorgfalt und handwerklichem Können, mit ausgesuchtem Material, so instandgesetzt worden, daß Liebhaber große Augen machen. Die Ästhetik des alten Segelschiffes aus der Kaiserzeit ist eine Ästhetik heutigen handwerklichen Könnens und schiffbauerischer Tradition. Die Raffinesse der Verarbeitung wetteifert mit der Modernität der technischen Ausrüstung. Letztere ist weitgehend im Innern des Schiffes versteckt.