HIAG“ – dieses Reizwort wurde Bundeskanzler Kohl auf seiner Israel-Reise entgegengeschleudert. Man versteht dort bis heute nicht, warum Innenminister Zimmermann die „Hilfsgemeinschaft“ ehemaliger SS-Kameraden von der Liste verfassungsfeindlicher Organisationen gestrichen hat. „HIAG“ war auch das Stichwort einer Talkshow, die zur gleichen Zeit im dritten Fernsehprogramm der Nordkette lief. Gitta Sereny, eine renommierte britische Journalistin, servierte dort eine Neuigkeit, die eigentlich alle verantwortlichen Journalisten, Politiker und Verfassungsschützer in der Bundesrepublik von den Stühlen reißen müßte: Ein großer Teil der stern-Millionen für die gefälschten Hitler-Tagebücher soll in die Kassen der HIAG geflossen sein.

Bekannt ist dieser Verdacht schon seit Ende letzten Jahres, als die Sunday Times mit einer zweiteiligen Serie über die Hintergründe der „Hitler-Tagebücher“ herauskam. Niemand in der Bundesrepublik hat die Informationen aufgegriffen, vielleicht weil sie nicht in die Weihnachtszeit paßten, vielleicht weil man dem britischen Sonntagsblatt nicht traute, das ja im Mai zunächst selber auf den Tagebuch-Schwindel hereingefallen war und teuer dafür bezahlt hatte. Oder gibt es sonst irgendeinen denkbaren Grund für dieses Schweigen? Lediglich die Hamburger Staatsanwälte, die seit Monaten nach dem Verbleib der Millionen fahnden, haben reagiert – wie intensiv, steht dahin.

Etliche Fragen warten auf eine Antwort. Stimmt es, daß ehemalige SS-Leute dem Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau die Feder geführt haben? Stimmt es, daß ein ehemaliger Angehöriger der „Leibstandarte Adolf Hitler ‚ Medard Klapper, ein späterer BKA- und BND-Agent, den naivgläubigen und ruhmsüchtigen stern-Reporter Gerd Heidemann in eine Falle lockte, indem er ihm vergrabene Nazischätze, die Tagebücher und schließlich sogar einen lebendigen Martin Bormann vorgaukelte? Wollten alte und jüngere Nazis – mit Hilfe einer verblendeten stem-Redaktion – eine neue Hitler-Legende aufbauen und gleichzeitig die Altersversorgung ihrer Kameraden aufbessern? Der Skandal ist noch nicht zu Ende, er scheint überhaupt erst zu beginnen. kj.