Das Thema „Die Deutschen und ihr Kaiserreich“ ist ein Dauerbrenner. Gemeint ist das „Zweite Deutsche Kaiserreich“; jene Epoche unserer Geschichte, die 1871 mit der glorreichen Reichsproklamation im Spiegelsaal von Versailles begann und 1918/19 mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg abrupt endete. Obwohl die Literatur zu diesem Thema mittlerweile in den Bibliotheken nach Metern bemessen wird, fühlen sich immer wieder Autoren aufgerufen, diese Epoche zu beschreiben. Konzentrierten sich früher die Darstellungen auf die Analyse von Einzelfragen, so ist jetzt zunehmend der Trend zu Gesamtdarstellungen zu beobachten; eine Zielsetzung, die unsere Geschichtsschreiber im Gegensatz zu ihren angelsächsischen Kollegen lange außer Acht gelassen haben. Den Anfang machte der Erlanger Historiker Michael Stürmer mit einem großangelegten Werk über das „Ruhelose Reich“ in der Zeit von 1866 bis 1918. Weit weniger anspruchsvoll, für den allgemein interessierten Leser auf den ersten Blick dafür aber um so attraktiver scheint

S. Fischer-Fabian: „Herrliche Zeiten – Die Deutschen und ihr Kaiserreich“; Droemer Knaur, München 1983; 368 S., 38,– DM.

Der Titel des Buches ist einem Ausspruch Kaiser Wilhelms II. entnommen, der bei seinem Amtsantritt dem Brandenburgischen Landtag das Versprechen gab, das „deutsche Volk herrlichen Tagen“ entgegenzuführen. Der Berliner Volksmund, um flotte Sprüche nie verlegen, machte daraus: „Herrliche Zeiten“. Daß das Wilhelminische Zeitalter, so benannt nach dem eben genannten Kaiser, alles andere als „herrlich“ wurde, wissen wir heute. Insofern erwies sich auch dieser Ausspruch des Kaisers als „Rohrkrepierer“, wie so viele andere seiner markigen Sprüche auch.

Das Wilhelminische Zeitalter war ein Zeitalter krasser Gegensätze. Zuviele lebten im Dunkeln und zu wenige im Licht. Die Gründung des Deutschen Reiches war von „oben“ erfolgt; durchgeführt von Bismarck mit Hilfe von „Blut und Eisen“. Das Volk „unten“ blieb draußen vor; es ist nie wirklich mit dem Reich und seinen Regierenden versöhnt worden. Im Kulturkampf gegen die katholische Kirche und mit der Bekämpfung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung durch das Sozialistengesetz befanden sich fast zwei Drittel der Reichsbevölkerung im Ausnahmezustand. Denkt man dann noch an die Zeit des Ersten Weltkrieges, der für Millionen von Menschen Not, Elend, Verarmung und Tod brachte, so sollte man wirklich nicht von „herrlichen Zeiten“ im Zusammenhang des Zweiten Deutschen Kaiserreiches sprechen.

Doch nicht nur der Titel auch der Inhalt des Buches ist alles andere als „herrlich“. So besteht beispielsweise die Geschichte des Kaiserreiches für Herrn Fischer-Fabian ausschließlich aus den führenden Köpfen sowie handelnden Figuren der monarchisch-politisch-militärischen Ebene. Seine Vorliebe gilt dabei der „preußischen Phase“ des Reiches bis 1890, in der Bismarck mit Hilfe von Kaiser Wilhelm I. regierte. Mit der Jahrhundertwende wird die Darstellung immer dünner. Die Zeitspanne nach 1910, für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges von enormer Bedeutung, kommt praktisch nur noch am Rande vor. Gerade hier aber zeigte sich, daß das Reich und seine Regierenden weder innen- noch außenpolitisch in der Lage gewesen sind, die Probleme der Zeit zu lösen. Nur als Stichworte seien genannt: Die großen Wahlrechtsdemonstrationen um 1910, die Proteste gegen die Lebensmittelpreissteigerungen, der große Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet 1912 und schließlich die Friedensdemonstrationen von 1913/14.

Immer dann, wenn Herr Fischer-Fabian die Ebene der biographischen Darstellung seiner „Helden“ verläßt und sich den Strukturen der wilhelminischen Gesellschaft zuwendet, werden seine Aussagen höchst unpräzise, wenn nicht sogar regelrecht falsch. Die Lektüre der Sekundärliteratur, vor allem der neueren, hätte hier weitergeholfen. Geradezu phänomenal ist die Behauptung, die Steuergesetzgebung in Preußen-Deutschland sei alles in allem „gerecht“ gewesen. Wenn es in Europa eine ungerechte Steuergesetzgebung gegeben hat, die wirklich einseitig die Wohlhabenden begünstigte, dann ist dies im Zweiten Deutschen Kaiserreich der Fall gewesen. Der Großteil der Staatseinnahmen wurde durch indirekte Steuern aufgebracht, und belastete somit vorwiegend die ärmeren Schichten der Bevölkerung. Der preußische Landadel zahlte so gut wie überhaupt keine Steuern; er wurde sogar noch subventioniert. Ähnlich kritisch muß auch die Kernaussage des Buches gesehen werden: Die Epoche des Kaiserreiches sei von einem „geradezu phänomenalen Optimismus“ geprägt gewesen. Jeder, der beispielsweise das Tagebuch von Kurt Riezler, dem engsten Vertrauten von Reichskanzler Bethmann Hollweg gelesen hat, weiß, wie es um diesen „Optimismus“ bestellt war. Schon 1912 prägte den führenden Politiker des Deutschen Reiches ein abgrundtiefer Pessimismus hinsichtlich der unmittelbaren Zukunft seines Landes. Da war einmal die selbstverschuldete außenpolitische Isolierung des Reiches, verbunden mit einem mörderischen Rüstungswettlauf. Geradezu fatalistisch sah Bethmann Hollweg den Krieg mit Rußland auf Deutschland zukommen. Andererseits war da die innenpolitische Bewegungslosigkeit, verursacht durch die Unfähigkeit der preußischen Konservativen, den Weg freizumachen, für eine friedliche Reformierung der preußisch-deutschen Klassengesellschaft. Die verantwortlichen Politiker des Zweiten Deutschen Kaiserreichs sind nicht in den Ersten Weltkrieg hineingeschlittert, wie Fischer-Fabian uns einreden will; sie haben bewußt das Risiko des Schlitterns auf sich genommen, weil sie glaubten, auf diese Weise all jene Probleme zu lösen, die sie andernfalls nicht für lösbar hielten.

Helmut Trotnow