Die Chefin der Bankenaufsicht gibt ihr Amt Ende April auf eigenen Wunsch ab

Wenn Inge Lore Bähre, die Präsidentin des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen in Berlin, Ende April das Amt ihrem Nachfolger übergibt, war sie mehr als dreiunddreißig Jahre für die Bankenaufsicht tätig. Seit neuneinhalb Jahren leitet sie das Berliner Amt. Da sie sich schöneren Dingen zuwenden will, als Banken zu beaufsichtigen – sie will ihre Familiengeschichte gründlich erforschen –, kokettierte sie schon länger mit dem Ruhestand. Doch der alte (Hans Matthöfer) und der neue Minister (Gerhard Stoltenberg) bewogen sie, zumindest so lange zu bleiben, bis die Vorbereitungen zur Novellierung der Bibel für Bankaufseher – das Kreditwesengesetz – abgeschlossen sein würden. Am Mittwoch, dem 1. Februar, ist der Entwurf vom Kabinett abgesegnet worden. Wenige Tage später hat Frau Bahre den Bundesfinanzminister gebeten, sie zum 30. April 1984 von ihren Amtspflichten zu entbinden.

Das Wort Ruhestand paßt zu Inge Lore Bahre nicht. Wer sie kennt, weiß, daß die resolute Dame eher die schöpferische Unruhe schätzt. Mit wachem Geist hat sie immer sehr früh die neuralgischen Punkte des Kreditgewerbes diagnostiziert und den leitenden Männern des Gewerbes das Nötige mitgeteilt. Die „Briefe von der Bähre“ wurden zu berühmten Instrumenten der Bankenaufsicht und in den Kreditinstituten je nach Interessenlage mit zufriedenem Lächeln oder mit Schaum vor dem Mund, immer aber mit Respekt, diskutiert.

Sie wollte nicht dauernd neue Verkehrsschilder aufstellen, sondern Bankiers und Sparkassenleiter rechtzeitig auf Gefahrenpunkte aufmerksam machen und so zu vorsichtigem Fahren ermuntern. Sie wollte ihre Selbstverantwortung im Kreditgewerbe weiterzuentwickeln. „Ich habe versucht, die Banken anzuhalten, das Notwendige aus eigenem Antrieb zu tun, damit ich mit einem Mindestmaß an Richtlinien auskomme“, bekennt sie und wird, als der Kugelschreiber zum Festhalten des Satzes gezückt wird, mißtrauisch: „Sie wollen doch nicht etwa einen Nachruf schreiben!“

Natürlich nicht. Aber wenn der Chef einer Bundesbehörde, über die man viel in den Zeitungen lesen konnte, wechselt, möchte man schon gern wissen, was der Amtsinhaber aus einem Amt gemacht hat, von dem man nur verschwommene Vorstellungen hat. Inge Lore Bahre hat der Bankenaufsicht mehr Publizität verliehen als ihre beiden Vorgänger Heinz Kalkstein (1962 bis 1968) und Günter Dürre (1968 bis 1975) zusammen. Das lag vor allem daran, daß eine Präsidentin an die Spitze kam, der zudem der Ruf vorausging, „der einzige Mann“ im Amt zu sein. Das war zwar unfreundlich den vielen Männern des Berliner Amtes gegenüber, die sich durch ihre Arbeit an der Front großen Respekt verschafft haben. Aber sie lernten, damit zu leben. Schließlich haben alle von der öffentlichen Aufwertung der Bankenaufsichtsbehörde profitiert.

Es waren aber daneben die Ereignisse, die das Amt mehr als früher in die Medien brachten und seine Chefin herausforderten. Ihre Amtszeit fing 1975 mit einer Novellierung des Kreditwesengesetzes an und wird mit einer weiteren Anpassung des Gesetzes an die veränderten Gegebenheiten von heute enden. Die Novelle von 1976 wurde durch den Zusammenbruch der Herstatt-Bank ausgelöst. Die jüngste vom Kabinett verabschiedete Novellierung zieht die Konsequenzen aus der rasanten Entwicklung des Auslandsgeschäfts. Ihr Ziel ist es, die Bankenaufsicht der veränderten Risikolage der Kreditinstitute anzupassen, auf eine Verbesserung der Eigenkapitalausstattung der Institute hinzuwirken und für eine bessere Streuung der Kreditrisiken zu sorgen.

Inge Lore Bahre mußte dafür sorgen, daß sich ihr Amt in einer Welt bewährte, in der das alles noch anders war: Banken konnten das Kreditgeschäft ihrer Auslandstöchter den strengen Augen der Berliner Aufsicht entziehen, sie konnten auf der Eigenkapitalbasis der Mutter Kreditpyramiden errichten und durften bis zu 75 Prozent ihrer Eigenmittel einem einzigen Kunden ausleihen. Solange kein Gesetz zur Verfügung stand, behalf sich Frau Bahre mit Gentlemen’s Agreements, zu denen sie die Banken in langwierigen Verhandlungen brachte.

Manch einem Bankier steigt die Zornesröte ins Gesicht, wenn der Name Bähre fällt. Doch das stört sie nicht. Unabhängig vom Beifall der Verbände und ihrer Mitglieder ficht sie in öffentlicher Rede für das, was sie für richtig hält. Zugeständnisse um der Höflichkeit willen sind ihr fremd. Wenn die jüngste Novelle in der vom Kabinett verabschiedeten Fassung ins Parlament geht, so ist das nicht zuletzt ihr Werk. Bei den Sparkassen, deren Eigenkapitalwünsche sie mit handfesten Argumenten abschmetterte, hat sie darum nicht nur Freunde.

Kein Nachruf also, eher eine Momentaufnahme. Schließlich läuft die Amtszeit noch bis Ende April Frau Bähres Nachfolger soll, wie zu hören ist, aus dem Aufsichtsamt selber kommen. Rudolf Herlt