West-Berlin

Der Rundfunkkommentator des Berliner SFB plädierte für Staatstrauer, Richard von Weizsäcker hatte den Tod „einer der großen Persönlichkeiten der Stadt“ beklagt, seine quasi letzte Amtshandlung als Regierender Bürgermeister. Die große Persönlichkeit war niemand anders als die pelzige Kuscheldame mit den tiefschwarzen Schatten um die Augen, die chinesische Panda-Bärin Tian Tian, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Bao Bao die Herzen der Berliner schon bei ihrer Ankunft 1980 im Sturm erobert hatte. Einen Palast für rund 750 000 Mark hatte man dem Bärenpaar, einem Staatsgeschenk der chinesischen Regierung an den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, im Zoo errichtet. Denn Pandas sind eine Seltenheit, nirgendwo sonst in Deutschland zu finden; die Attraktion sollte in angemessener Umgebung bestaunt werden.

Als Stofftiere und auf zahllosen T-Shirts und Aufklebern warben die Souvenirbären seither um Sympathien für die Stadt Berlin. Der gute alte Braunbär, das eigentliche Wahrzeichen, war darüber beinahe in Vergessenheit geraten. Kein Wunder also, daß die Trauer nicht erst verordnet werden mußte. Die Tränen der Berliner, auf den ersten Seiten der Boulevardpresse einzeln verlesen, wollten kein Ende nehmen, als Tian Tian in der vergangenen Woche einem mysteriösen Virus zum Opfer fiel. Schon seit Tagen hatte ganz Berlin um ihr Leben gebangt Als neben Magen und Darm auch noch die Nieren versagten, konnte selbst der eigens eingeflogene Cheftierarzt des Londoner Zoos mit seinen vielen Schläuchen und Nadeln „Himmelchen“ ( so die deutsche Übersetzung des chinesischen Namens) nicht mehr retten.

Im Zoo und bei der chinesischen Botschaft in Bonn standen die Telephone nicht mehr still. Schließlich war nicht nur der Herzensliebling der Berliner, sondern auch ein Symbol ihrer Weltoffenheit in der Tierklinik Düppel verendet. Den Köpfen der Trauergemeinde entsprangen in Windeseile zahlreiche Gerüchte über die Ursachen des rätselhaften Todes. Das KGB, so wurde unter anderem vermutet, habe das lebendige Zeugnis deutsch-chinesischer Freundschaft schon seit geraumer Zeit mit Argusaugen betrachtet. Ein Agent im Zoo, und keiner hat’s gesehen?

Zu allem Überfluß sollte Tian Tian im März endlich schwanger werden. Daß aus dem Nachwuchs nun vorerst nichts wird, bekümmert die vielen Beileidsbesucher des verlassenen Bao Bao noch zusätzlich, zumal die Chinesen wissen ließen, daß auch bei ihnen Panda-Bären knapp geworden und als Staatsgeschenk nicht mehr vorgesehen sind.

Ganz so ernst hatte es der Rundfunkkommentator mit seiner Staatstrauer wohl nicht gemeint. Im Gegenteil: Ein bißchen mehr öffentliche Anteilnahme am Schicksal einiger Menschen, so schloß der Kommentar, „vielleicht wäre das ein Stückchen chinesischer Weisheit“.

Stefanie von Viereck