Köln: Meisterwerke russischer Malerei vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrunderts“

Tretjakow-Galerie, Moskau: bechernde Kosaken, Petersburger Damen-Eleganz, Wolga-Nebel – sie wallten nicht bis an den Rhein. Malewitschs holzgedrechselte Bauern-Ikonen am Ende und zu Anfang der Ausstellung Historienmalerei, Tableaus akademischer Schulung, wie sie sich mit den Vorstellungen dieses Hauses der Kunst des 19. Jahrhunderts verknüpfen. An die achtzig Gemälde, auch aus Depotbestand, manches wurde schon 1979 im Centre Pompidou unter dem Titel „Paris – Moscou“, west-östliche Rivalität enthüllend, gezeigt. Die Bilder belegen jene vorrevolutionäre Epoche, da Unzufriedenheit mit dem Herkömmlichen und tastendes Suchen nach der neuen Form der Expression und das dem herkömmlichen Kanon Verhaftete miteinander kämpften; hier der ungezügelte russische Jugendstil in seiner Rückbesinnung auf bäuerliche Folklore in ihrer jauchzend-wilden Farbigkeit, dort das Mittelmaß und Versickern im Blut-und-Boden-Verismus einer am Horizont aufdämmernden Ideologie. Da gibt es zaghafte Versuche im übernommenen Impressionismus, ankämpfend gegen die feinpinselige Peinture und gleichzeitig eine Übernahme der modischen Sprache des Futurismus und Kubismus – wen nimmt es wunder, daß die späteren Meister der Bewegung nur mit Gesellenstücken aufwarten. Ein aussageschwacher Chagall („Fenster in der Datscha“), Kandinskys Märchenprinz (warum bloß dem Jahr 1914 zugeordnet?), deftig-bunte Heimatszenen (Larionow, Lentulow, Maljawin, Archipow, Petrow-Wodkin), fettig-rot auf wirbelnde Schürzen. Aber auch Ausbrüche, gewiß: Natalja Gontscharowas bronzene Röhren- und Kubenfrau, Alexandra Exters zerfetzte Großstadtvision, Maschkows sich ganz an Jawlenskijs heranpirschendes Bild eines großäugigen Knaben im gestickten Russenkittel. Imitatio und Sehnsuchtsblicke nach Westen, gen Frankreich. Und sanfte Tschechow-Töne (Borisow-Musatows „Mädchen im Garten“) oder flirrendes Sommerlicht auf einer Monetblauen Hutschleife (Serow). Bei den Porträts der ins Süßliche abgleitende Impressionismus eines pathetischen Serow-Damenbildnisses in Anna-Karenina-Pose, die dekorativen Kühnheiten Lev Rosenbergs, genannt Bakst, und Wrubels lila verschattete „Schwanenprinzessin“. Nur drei Bilder sind als großartig zu erwähnen: Repins eindringliches Porträt des Nachdenklichen mit der Ordensschärpe in leicht gesetzter schwarz-roter Farbigkeit, Wrubels psychologisierende Studie einer Alternden und Archipenkows „Wäscherinnen“, eingehüllt in dampfende Feuchtigkeit und gemalt in jener silbrigen Grautönung, die nicht nur der Ile-de-France vorbehalten blieb. (Josef Haubrich-Kunsthalle bis 25. März, Katalog 16 DM) Ursula Voß

München: „Russische Avantgarde aus der Sammlung Costakis“

George Costakis hat den größeren und vermutlich auch bedeutenderen Teil seiner Sammlung russischer Avantgardekunst der Tretjakow-Galerie in Moskau geschenkt – genau wird man es allerdings erst wissen, wenn eines Tages die Staatsgalerie moderner Kunst im Gorki-Park eröffnet sein wird, den für diesen Neubau war die Schenkung Costakis bestimmt. Aber auch der andere Teil der Kunstwerke, den der in Moskau geborene Grieche 1977 in den Westen mitbringen durfte, ist noch eindrucksvoll genug: kein Museum außerhalb der Sowjetunion besitzt eine russische Abteilung, die mit dem Rest dieser Privatsammlung konkurrieren könnte. Als das Kunstmuseum Düsseldorf 1977 erstmals zeigte, was Costakis bei seiner Übersiedlung an Kunst im Gepäck hatte, hieß es, daß die rund zweihundert ausgestellten Arbeiten in etwa das dem Sammler noch Verbliebene seien. Inzwischen weiß man (und in einem Prachtband ist es auch dokumentiert), daß Costakis mehr als tausend Werke russischer Künstler aus der Zeit von 1905 bis etwa 1930 besitzt. Das Guggenheim-Museum in New York, dem Costakis seine Sammlung zur Konservierung und wissenschaftlichen Dokumentation überlassen hat, verfügte bei der Vorbereitung der Wanderausstellung „Russische Avantgarde aus der Sammlung Costakis“ über das gesamte Material und konnte so eine Auswahl zusammenstellen, die über die Kunstentwicklung vom Symbolismus bis zum amtlich verordneten Ende der Moderne informiert und zugleich die ganze Breite und der Kollektion und deren Schwerpunkte vorführt. Die Wanderausstellung, die von der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus noch weiterreist zur Kestnergesellschaft in Hannover, hebt den wichtigen, immer noch unterschätzten Beitrag der Künstlerinnen hervor, exemplifiziert an den Arbeiten der Ljubov Popova (die in der Sammlung besonders gut vertreten ist), Olga Rozanova, Varvara Stepanova oder Nadeschda Udalcova (die in ihrer Kunst um 1920 manches vorwegnahmen, was dann um 1950 noch einmal erfunden wurde); weitere Arbeiten russischer Künstlerinnen aus den Jahren 1907-1930 werden übrigens gleichzeitig in der Münchner Galerie Artcurial vorgestellt. Die Ausstellung verweist auch darauf, daß es neben dem dogmatischen Suprematisten Malewitsch noch sozusagen unorthodoxe Suprematisten wie Ivan Kljun und Gustav Klucis gab – und sie erinnert an die Produktionskunst, jenen Bereich also, den man heute als industrielles Design bezeichnet, an den Versuch, konstruktivistische Überlegungen auf die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen anzuwenden (Städtische Galerie in Lenbachhaus bis zum 12. 3., Katalog 30 Mark). Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Gustave Courbet – Les voyages secrèts de M. Courbet“ und „Georges Senat – Zeichnungen“ (Staatliche Kunsthalle bis 11. 3., Katalog 45 bzw. 35 Mark)

Berlin: „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ (Schloß Charlottenburg, Orangerie bis 19. 2., Katalog 48 Mark)