Warum der US-Präsident nicht zu Andropows Beerdigung reiste

Von Ulrich Schiller

Washington, im Februar

Konstantin Tschernjenko? – "Mich hat er überrascht als ein sehr vorsichtiger Bürokrat, ganz im Gegensatz zu Breschnjew – nicht energisch und jedenfalls kein Dynamit", urteilt Zbigniew Brzezinski, ehemals Sicherheitsberater Präsident Carters, aus seiner Erfahrung im Umgang mit der Kreml-Führung. "Einer, der immer an den Rockschößen Breschnjews hing, kein strahlender Intellektueller, weniger gescheit als Andropow, aber nicht dumm, dabei jedoch arrogant und mit diktatorischem Ehrgeiz – ein Apparatschik", so erinnert sich Arkady Schewschenko, der einst Berater Gromykos und bis 1978, als er absprang, Stellvertreter des UN-Generalsekretärs gewesen war. Eine jüngere Emigrantin aus der Sowjetunion meint: "Tschernjenko ist noch einer der Besten", und Lawrence Eagleburger, der dritte Mann im amerikanischen Außenministerium, hält den neuen sowjetischen Parteichef für einen Konservativen, der sich bisher wenig artikuliert habe und für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen keinen größeren Wandel bedeute.

Ein anderer Osteuropa-Experte im State Department, der nicht genannt sein wollte, ließ jedoch die Katze fröhlich aus dem Sack: "Bedenkt man die Alternativen zu Tschernjenko", sagte er, "konnten wir Besseres kaum erwarten." Er verglich den neuen Kreml-Chef etwa mit dem 61jährigen Romanow aus Leningrad, der den Ruf eines "hard-liners" genießt und der mit Konfrontationsbereitschaft eigener Prägung der Reagan-Regierung das Leben womöglich noch saurer gemacht haben würde.

Im richtigen Augenblick

Selbstverständlich äußert man in Washington die relative Zufriedenheit mit der Wahl des Nachfolgers an der Spitze der Sowjetführung nicht öffentlich. Nur Journalisten konnten beispielsweise, ohne in den Verdacht eines abgrundtiefen Zynismus zu geraten, eine Ansicht wie diese äußern: daß Ronald Reagan wieder einmal großes Glück gehabt habe. "Für ihn starb Jurij Andropow im richtigen Augenblick", schrieb Joseph Kraft in seiner Kolumne. Da der Präsident im Hinblick auf die kommenden Wahlen an einem besseren Verhältnis zu den Russen interessiert sei, könne der Machtwechsel im Kreml einen neuen Anlauf nur erleichtern. Auch deckten die Nachrichten über die Ereignisse in Moskau die verheerende Lage im Libanon zu.