Von Hermann Bößenecker

Kurt Golda bedrückt die Vorstellung, daß „zwei Schnellzüge aufeinander zurasen“. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Bayerischen Motoren Werke (BMW) greift zu diesem Katastrophenbild, wenn er über die Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche spricht. Er sieht kaum Chancen für eine konfliktfreie Annäherung der scheinbar unvereinbaren Standpunkte von IG Metall und Arbeitgebern.

Golda will mithelfen, um einen Zusammenstoß mit Streik und Aussperrung zu vermeiden, der „auf zehn Jahre hinaus das Betriebsklima verderben würde“. Er ist deshalb bereit, mit dem BMW-Vorstand alternative Arbeitszeitregelungen zu diskutieren, die vielleicht Modell für die gesamten Tarifverhandlungen sein könnten. Kurt Golda, seit 1956 Betriebsratsvorsitzender in München, steht seit 1967 gleichzeitig an der Spitze des Gesamtbetriebsrats. Deshalb ist er auch stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat. Mit Eberhard von Kuenheim, seit 1970 Boß der erfolgreichen Autofirma, kam er bisher gut aus.

Doch der Kampf um die 35-Stunden-Woche fordert nun auch bei BMW seinen Tribut. Der Ton wird schärfer. Golda kreidet Kuenheim an, daß er sich „dauernd heraushängt“ und in der Öffentlichkeit als Scharfmacher erscheint. Schon im Herbst hatte der Vorstandsvorsitzende den Widerspruch des Betriebsrats herausgefordert, als er drohte, den Bau des neuen Werks in Regensburg zu stoppen, falls die 35-Stunden-Woche durchgesetzt werde. Jetzt bekräftigte Kuenheim erneut seine Meinung, die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich sei wirtschaftlich untragbar und deshalb „indiskutabel und nicht kompromißfähig“.

In einer ungewöhnlich harschen Stellungnahme des Gesamtbetriebsrats fragen Golda und seine Kollegen den BMW-Chef: „Ist das die berühmte Flexibilität, die unter Wahrung des Betriebsfriedens bzw. des sozialen Friedens in unserem Lande nur die Feststellung nicht diskutabel und nicht kompromißfähig als Antwort zuläßt?“

Die Betriebsräte fordern Kuenheim auf: „Verlassen Sie und (der Unternehmerverband) Gesamtmetall so schnell wie möglich den eingeschlagenen gefährlichen Kollisionskurs, bevor ein Schaden entsteht, der in den nächsten zehn Jahren nicht mehr gutzumachen ist.“ Vonnöten sei jetzt vor allem eine „akzeptable Kompromißbereitschaft“, um „Schaden von BMW und unserem Land abzuwenden“ – eine Formel, die Kuenheim selbst bei seiner strikten Ablehnung der 35-Stunden-Woche verwendet hatte.

Allerdings hat es der BMW-Chef keineswegs bei der strikten Ablehnung bewenden lassen, sondern gleichzeitig ein „Denkmodell“ zur Neuorganisation der Produktion in den Werken des Unternehmens vorgestellt, das anscheinend auch die IG Metall als diskussionswürdig ansieht. Golda will es in allernächster Zeit zusammen mit anderen Lösungsvorschlägen im Betriebsrat besprechen.