In einem Interview, das Julio Cortázar vor acht Jahren der ZEIT gab, sprach er von Spontaneität und „Offenheit“ seines Schreibens, das sich nicht auf die Alltagsrealität einengen, sondern „das Wirklichkeitsverständnis des Lesers anreichern“ wolle. Schon in seinem ersten Erzählband „Bestiarium“ (1960) hatte er gegen die Eindimensionalität des sogenannten Realismus mit oft koboldhaftem Sprachwitz und schwarzem Humor die Paradiese und Höllen gesetzt, die sich an der Grenze zwischen Tag und Traum, Sicherheit und Unsicherheit auftun.

„Gnädige Frau, sagte ich zu ihr, erwarten Sie von dieser Reise und diesem Tag nicht zu viel Kohärenz“ – so redet Cortázar, der Jules Verne liebte, die „Dame Seriosität“ an, in seinen zitatenreichen, glossenhaft reflektierenden Skizzen „Reise um den Tag in achtzig Welten“. Es sind Meistervariationen über die Realität des Phantastischen: „Die Wirklichkeit ist flexibel und porös, und die scholastische Einteilung in Physik und Metaphysik verliert jeden Sinn, sobald wir uns weigern, das Unbewegliche zu akzeptieren, sobald wir einen Schritt weiter nach vorn gehen und nach Möglichkeit seitlich“. Dann nämlich stoßen wir auf jene Rätsel des Unheimlichen und Gespenstischen, die Cortázar mit souveräner Geste entwarf, ohne sie je zu entwirren, ohne noch jenen Sinn stiften zu wollen, wie seine von ihm bewunderten Vorläufer E.T.A. Hoffmann, Achim von Arnim, Meyrink, Kafka und Borges.

Das Gefühl der Fatalität und Unvermeidlichkeit bestimmt auch die scheinbar unabhängig parallel laufenden Handlungsstränge seines großen experimentellen Romans „Rayuela – Himmel und Hölle“ (1963), der vom „Leserkomplizen“ von hinten nach vorn und wieder zurück oder von der Mitte an gelesen werden kann, als Nachvollzug eines abenteuerlichen intellektuellen und ästhetischen Verwirrspiels, das versteinerte Rezeptionsgewohnheiten aufbricht, „den Leser aus der Ruhe bringt“. „Was man heute als phantastisch empfindet, ist das Phantastische am hellen Tag, um zwölf Uhr mittags statt um zwölf Uhr nachts“, schreibt dieser bizarre Fabulierer, der mit seinem Roman „Album für Manuel“ (1974) bewiesen hat, daß die Politik vom Nachtmar zu Realität wird, den schrecklichsten Phantasien gleich.

Jetzt ist Cortázar, ein Widersacher des argentinischen Militärregimes, der seit 1951 in Frankreich lebte, in Paris im Alter von 69 Jahren an Leukämie gestorben.

Ute Stempel