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Die Eingriffe in das menschliche Erbgut drohen die Grundlagen des Zusammenlebens zu zerstören

Von Justin Westhoff

Die Frau hat Blut für vier oder fünf Kinder. Wenn sie keine bekommt, verwandelt sich ihr Blut in Gift." Derart Unemanzipiertes dichtete der antifaschistische spanische Lyriker Federico Garcia Lorca – man mag es seiner wenig aufgeklärten Zeit zurechnen. Doch noch heute dient das Zitat als Rechtfertigung, daß alles – aber auch wirklich alles – erlaubt ist, um nur das Weib seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen.

Zum Beispiel für den Arzt Sacha Geller, der in Marseille eine Agentur für Mietmütter eröffnen wollte. Sie sollten für ein Handgeld von 50 000 Francs Babys austragen und sie dann der unfruchtbaren Gattin des Samenspenders überreichen. Verglichen etwa mit amerikanischen Instanzen erwiesen sich Ärztekammer und Gesundheitsministerium Frankreichs als altmodisch: sie bezeichneten das Geschäft mit dem Leih-Bauch als ethisch, moralisch und juristisch äußerst bedenklich. Verständnislos konterte Geller, es gebe doch eine Nachfrage – die müsse man befriedigen. Im Ärzteblatt Le Quotidien du Médecin schrieb er, Garcia Lorca habe "in bewundernswerter Weise die grenzenlose Trauer der sterilen Frau erfaßt. Unfruchtbarkeit mag schön für den Mann eine schwere Belastung darstellen – für die Frau ist sie ein Drama: Das Leben verliert jeden Sinn!"

Auch wenn man, weniger frauenfeindlich, dem weiblichen Geschlecht noch andere Möglichkeiten zugesteht, als die übervölkerte Erde mit Nachwuchs zu versorgen – unbestreitbar ist, daß Kinderlosigkeit für viele Paare eine gravierende sozialseelische Belastung bedeutet. Niemand sollte ihnen das Recht bestreiten, die Hilfe moderner Medizin in Anspruch zu nehmen. Aber die Legitimation zu jeglichem Eingriff in die Natur vom dringenden Kinderwunsch der Eltern ableiten zu wollen, ist "zumindest fragwürdig", schreiben die psychosomatisch orientierten Gynäkologen Professor Peter Petersen (Hannover) und Alexander Teichmann (Göttingen) im Deutschen Ärzteblatt. Hinter dem flehentlich vorgetragenen Kinderwunsch stünden oft Probleme, "die viel mit den wünschenden Personen, oft aber so gut wie nichts mit dem gewünschten Kind zu tun haben". Und häufig, so ergänzt der niederländische Gynäkologe und Leiter der Universitäts-Frauenklinik in Leiden, Professor Eylard van Hall, muß man auch fragen: "Wer will eigentlich das Baby: die Patientin oder der Arzt?"

Sicherlich – der Medicus ist dazu da zu helfen. Doch wenn erwachsene Menschen meinen, "gar nicht ohne ein eigenes Kind leben zu können", muß man auch fragen, ob ihnen nicht besser geholfen wäre, wenn sie nach anderen Aufgaben suchten. Kinderlosigkeit, so Petersen und Teichmann, kann auch "einen tiefgehenden biographischen Sinn für das betroffene Paar haben". Von den "armen Ehepaaren" ist ohnehin vielfach gar nicht mehr die Rede. Was weltweit in Labors und Kliniken geschieht, von der Öffentlichkeit teils unbeachtet, teils bejubelt, droht die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens mehr, zu verändern als mancherlei Entwicklung, gegen die sich agile Bürgerinitiativen auflehnen. Die Forschung nimmt Wesen und Werden des Menschen in den Griff. Als "genetisches Hiroshima" bezeichnet der Starnberger Frauenarzt Frieder Rexilius diesen Eingriff in das menschliche Erbgut. Der Mensch wird kaum eine Naturentwicklung in andere Bahnen zu lenken vermögen, die auf milliardenfach genetisch gesteuertem Zufall beruht. Doch neben dem biologischen gibt es auch ein sozial-kulturelles Erbe. Die aus der genetischen Vielfalt erwachsende Freiheit des Menschen legt Bürgern und Biologen eine Verantwortung auch für die Nachkommenschaft auf. Und dieser – von religiösen Einstellungen unabhängige – "menschliche Grundwert" ist in Gefahr.

Bürger wie Politiker haben die grundlegende Problematik, die aus den Folgen der modernen Biologie entsteht, bisher kaum beachtet. Auch die soeben von Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber angekündigte Einsetzung einer Arbeitsgruppe, welche die ethischen und rechtlichen Fragen der Anwendung von gentechnischen Methoden am Menschen untersuchen soll, wird dem ganzen Ausmaß nicht gerecht.

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Die einzelnen "Fortschritte" bei der Gentechnik erscheinen – jeder für sich genommen – nicht weiter problematisch. Im Gegenteil, viele Menschen versprechen sich Hilfe, etwa wenn das Risiko, ein erbkrankes Kind zu bekommen, deutlich reduziert wird.

Doch dabei bleibt die Frage nach der Fruchtbarkeit nicht mehr Mutter Natur überlassen. Die Kombinationsmöglichkeiten immer neuer, feinerer Techniken nähren den Zweifel, ob hier lauter hehre Ziele verfolgt werden. Gibt es Grund für Horrorvisionen nach Art des Aldous Huxley Er hatte schon 1932 seine "Schöne neue Welt" in die "Brut- und Normzentrale Berlin-Dahlem" verlegt. Menschen vom Fließband werden in Huxleys Roman hergestellt, kategorisiert nach ihrer Verwendbarkeit.

Zur Routine geworden, wenn auch immer noch spektakulär, ist zum Beispiel "ET". Das Kürzel steht hier nicht für Extraterrestrische Wesen, sondern für Embryo-Transfer. Übertragen wird eine zuvor in der Petrischale befruchtete Eizelle – zurück in den Bauch der Mutter. Weltweit wurden bereits rund 300 Retortenbabys in gut 50 Spezialzentren geboren. In der Bundesrepublik hatten bisher Teams in Erlangen, Lübeck, Kiel und Berlin Erfolg. Derzeit arbeiten hierzulande, einer inoffiziellen Zählung zufolge, 22 ehrgeizige Forschergruppen daran, allein in Berlin sind es vier. Die Tatsache, daß "jede Klitsche sich auf diesen Zug setzen will", so einer der Vorreiter, wird als Zeichen der Unkontrollierbarkeit des neuen Verfahrens interpretiert. Zudem befürchten skeptischere Retortenbaby-Experten, daß dort vielen Frauen ungerechtfertigte Hoffnungen gemacht werden. Denn die Technik erfordert Aufwand und Erfahrung:

Sie wird in erster Linie dann angewendet, wenn die Sterilität einer Frau auf fehlende oder nicht durchgängige Eileiter zurückzuführen ist. Zwar produzieren in diesem Fall die Eierstöcke der Frau reife Eizellen, der Samen des Partners aber kann sie nicht erreichen und befruchten. Noch vor wenigen Jahren versuchten Ärzte solche Fehler mit Hilfe der Mikrochirurgie zu beheben. Künstliche Befruchtung und Embryo-Transfer galten als ultima ratio. Heute wird der Umweg über das Laborgläschen bevorzugt.

Nach ausführlichen Voruntersuchungen der Eltern in spe passen die Ärzte den Zeitpunkt ab, zu dem eine Eizelle reif, seine äußere Umhüllung (Follikel) aber noch nicht geplatzt ist. Der Follikel wird per Bauchspiegelung (Laparoskopie) herausgesaugt. Zeigt sich unter dem Mikroskop ein Ei, gewinnt der designierte Vater sein Sperma, das zusammen mit der Eizelle in eine Nährlösung gebracht wird, wo sich dann die Befruchtung vollzieht. Die befruchtete Eizelle reift nun im Brutschrank bis zur mehrfachen Teilung heran; anschließend wird der Embryo in die künstlich hormonell vorbereitete Gebärmutter verpflanzt, wo er sich einnistet: die Frau ist schwanger.

Oder auch nicht: Schon die Natur ist verschwenderisch, längst nicht alle Schwangerschaften "gehen an"; möglicherweisebefinden sich unter den unbemerkten Frühaborten besonders viele mißgebildete oder nicht lebensfähige Embryonen. Die Erfolgsrate bei der in-vitro-Fertilisierung (IVF) mit anschließendem Embryo-Transfer ist in der Regel noch geringer als die der Natur. Führende Teams beziffern sie auf zwanzig Prozent. Die Chancen steigen, wenn mehrere befruchtete Eizellen transferiert werden. Dazu helfen Hormone: Sie stimulieren den "Sprung" mehrerer Follikel, aus denen entsprechend viele Eizellen gezogen, befruchtet und eingepflanzt werden können. So erklären sich denn auch immer neue Rekordmeldungen über "Europas erste Retortendrillinge" (in Kiel) oder gar Retortenvierlinge kürzlich in Australien,

Verantwortungsbewußtere in-vitro-Fertilisierer sehen den Transfer von mehr als zwei befruchteten Eizellen als "Kunstfehler" an, sie simulieren die Eizellen-Produktion ihrer Patientinnen möglichst maßvoll mit den entsprechenden Hormonen – andere Helfer pflanzen jedoch möglichst viele Embryonen, um die Erfolgsrate zu steigern. Bei ihnen liegt die Mehrlingsrate erheblich über dem Durchschnitt. Doch schon bei Zwillingen ist sowohl die Säuglingssterblichkeit als auch die Gefahr von Frühgeburten, Kaiserschnitten und sonstigen Komplikationen beträchtlich erhöht. Bei Retorten-Schwangerschaften liegt die Frühgeburtsrate bei etwa zwanzig Prozent (Normalwert: knapp zehn Prozent). Offenbar ist auch, wie der französische Fachmann Jean Cohen kürzlich durch eine Umfrage herausfand, bei der in-vitro-Fertilisierung das Risiko gefährlicher Bauchhöhlenschwangerschaften größer.

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Ärzte, die aus medizinischen Gründen nicht alle befruchteten Eier zurückverpflanzen, stoßen bald auf ein anderes Problem: Wohin mit den überzähligen Embryonen? Ein paar Forscher greifen ehrgeizig nach dem "Überschuß".

Einige experimentieren, wie etwa Rosalyn Angell aus Edinburgh. Sie tat, was andere an Mäuse-Embryonen versuchen: sie ging an elf künstlich befruchteten menschlichen Eizellen der Frage nach, warum sich nur ein Teil der Embryonen tatsächlich in der Gebärmutter einnistet. Robert Edwards, britischer Pionier auf diesem Gebiet, widersprach eilends Angells Befürchtung, bei der Retorten-Methode könnten mehr kranke Kinder die natürliche Abstoßungstendenz überstehen. Sein "Erkenntnismaterial": 25 Labor-Lebewesen von der Spezies Homo sapiens. Beide Forscher haben die Embryonen mit dem Zellgift Kolzemid behandelt, auf einen Objektträger fixiert, angefärbt und studiert.

Die ersten 13 Tage im Leben eines Menschen, von der Befruchtung der Eizelle bis zum Einnisten des erst aus wenigen Zellen bestehenden Embryos in die Gebärmutterschleimhaut, sind auch in der Bundesrepublik eine rechtsfreie Zeit, weil man die Empfängnisverhütung mit intrauterin- ("in der Gebärmutter") Pessaren nicht als Abtreibung definieren wollte (diese IUs verhindern die Einnistung des Embryos in den Uterus). In dieser Zeit kann, rein rechtlich, jedermann mit menschlichem, in seinen individuellen Eigenschaften durchaus vorgeprägtem Leben machen, was er will.

Andere Forscher frieren Embryos in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius ein. Erste Erfolge mit dem Tiefkühl-Prinzip meldete der australische Retortenbaby-Crack Alan Trounson; geklappt hat es schon beim zweiten Versuch. Trounson verpflanzt eingefrorene und wieder aufgetaute Embryonen auch dann, wenn zwei von acht Zellen sichtbar geschädigt sind. Er will offenbar sehen, ob sich das Kind trotzdem normal entwickelt.

Der deutsche Professor Siegfried Trotnow von der Universität Erlangen, der das Wettrennen ums erste bundesrepublikanische Retortenbaby schon Anfang 1982 für sich entschieden hatte, machte es Trounson Ende 1983 nach. Seine Begründung: Das sei ethischer, als Embryonen einfach wegzuwerfen. Mehr als 70 Embryonen liegen in australischen Gefriertruhen – wie viele andernorts, weiß niemand. Sie können, laut Trounson, hundert Jahre lang frischgehalten werden. Wem gehören solche Kinder wohl nach Scheidung oder Tod der Eltern? Skeptiker fragten, ob sie vielleicht verkauft werden sollen, ob sie gar als Testobjekt für neue biologische Waffen herhalten, oder nach einer atomaren Katastrophe als Ersatz-Bevölkerung aufgetaut werden sollen.

Wen es bei derlei Visionen fröstelt, der mag vielleicht als Ausweg Ethik-Kommissionen empfehlen: diese werden in vielen Staaten eingesetzt, um über die Einhaltung der "Helsinki-Deklaration" zu Medizin und Menschenwürde zu wachen. Doch in jedem Land, teils von Klinik zu Klinik unterschiedlich, erlauben oder verbieten Ethik-Kommissionen, was gerade dem persönlichen Geschmack entspricht. Im Mai 1983 erlaubte das dänische "Wissenschaftsethische Komitee" Experimente mit menschlichen Embryonen, auch dann, wenn sie nicht beim Versuch, eine Schwangerschaft zu erzielen, übriggeblieben, sondern allein für wissenschaftliche Zwecke hergestellt werden. In Australien wurde trotz gegenteiliger Vorschriften weiterexperimentiert. In Israel sind – aus religiösen Motiven – die meisten Eingriffe in die Fortpflanzung nicht erlaubt. In Frankreich kam das allseits begrüßte staatliche Ethikkomitee an der Medizinforschungsinstitution INSERM bisher zu keinen brauchbaren Ergebnissen.

In der Bundesrepublik möchten sich viele gar nicht erst auf dieses Glatteis begeben. Als die Deutsche Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität (DGSFS), der unter anderem Retortenbaby-Teams angehören, auf Initiative einzelner, nachdenklicher Mitglieder am 1. Oktober 1983 in Rothenburg o. T. erstmals "moralisch-ethische Grenzen des Umgangs mit Embryonen" diskutierte, zog sich der damalige Präsident der Gesellschaft, Professor Kurt Semm, unter Protest aus dem Vorstand zurück. Im Protokoll der ungeliebten Diskussion hieß es anschließend: "Von allen Beteiligten und Teilnehmern aus dem Auditorium wird festgestellt, daß es nicht im Interesse der IVF und des ET sein könne, zum gegenwärtigen Zeitpunkt verbindliche Richtlinien aufzustellen." Nach Erinnerung der meisten Anwesenden war jedoch genau das Gegenteil gefordert worden, nämlich DGSFS-Regeln, um den Staat herauszuhalten und öffentliches Vertrauen wiederherzustellen.

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Unter dem neuen Präsidenten, Professor Joachim Hahn von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, soll die Diskussion in diesem Jahr endlich vorangetrieben werden.

Zusammen mit Kollegen war es Hahn Ende 1983 gelungen, künstlich zwei genetisch vollkommen identische Kühe zu produzieren. In einem frühen Stadium wird der Embryo aus seiner Eihülle genommen und mit einem mikrochirurgischen Glasmesser in zwei Hälften geteilt. Beide Hälften werden anschließend in je eine Eihülle zurückgestopft und sodann auf zwei Ammenkühe übertragen, Heraus kommen, nach der üblichen Tragzeit, eineiige Zwillinge aus zwei Muttertieren.

Hahn selbst gilt als sensibel gegenüber ethischen Problemen. Es wäre unfair, ihm zu unterstellen, er befürworte oder betreibe gar eine Übertragung solcher Methoden auf den Menschen. (Man konnte ja beispielsweise einen Zwillingsteil aufwachsen lassen, und – entwickelt er sich in gewünschter Weise – den anderen Jahre später auftauen. Man könnte auch dem notorischen "Material"-Mangel der psychologischen Zwillingsforschung abhelfen. Man könnte schließlich – überspitzt vorausgesagt – Mehrlinge zur Organzüchtung herstellen.) Aber bisher haben sich fast immer andere Forscher gefunden, die sich neuer Methoden mit weniger Skrupeln bedienen.

Gerade auf dem Gebiet der Fortpflanzung hat die Anwendung tierexperimenteller Erkenntnisse am Menschen oft genug hervorragend funktioniert. Neuestes Beispiel: Jüngst wurden die ersten Kinder von je zwei Müttern geboren, einer "genetischen" und einer "tragenden". Die angewandte Technik, Surrogate embryo Transfer (SET), wurde einst erfunden, um preisgekröntem Rindvieh mehr Nachwuchs zu ermöglichen. Sie soll jetzt menschlichen Müttern angeboten werden: Frauen, deren Eizellen-Produktion gestört ist oder solchen, die selbst an einer Erbkrankheit leiden und deswegen befürchten müssen, daß ihr Kind den gleichen Defekt aufweist. Eine andere Frau dient dabei als Ei-Spenderin.

Zwei Verfahren werden praktiziert. Carl Wood und sein Team von der Monash-Universität in Melbourne hatten mit der einen Methode Erfolg. Bei ihr wird die gespendete Eizelle nach dem IVF-Prinzip im Reagenzglas mit dem Samen des Vaters vereinigt. Wood hatte es sogar schon mit doppeltfremden Eltern versucht (Ei und Samen gespendet).

Den zweiten Weg geht ein Team unter John Buster am Harbor-Medical-Center der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Dort wird die Eispenderin zunächst auf herkömmliche Weise künstlich mit dem Samen des Mannes befruchtet, dessen Ehefrau keine Eizellen produzieren kann. Nach fünf Tagen spülen die Ärzte die Gebärmutter der Spenderin aus und legen das Kuckucksei – den Embryo – der anderen, infertilen Frau ins hormonell künstlich aufbereitete Nest.

Die Ei-Spenderinnen für diesen nun erfolgreichen Versuch waren per Annonce gesucht worden: "Verhelfen sie einer unfruchtbaren Frau zu einem Baby." Ganz so selbstlos sehen die kalifornischen Forscher das Unterfangen indessen wohl doch nicht: Schon im September vergangenen Jahres hatte einer von ihnen, John Marshall, gestanden: Die Entwicklung der Methode wurde von der Firma Fertility and Genetics Research Inc. aus Chicago finanziert. Das Fruchtbarkeits- und Vererbungs-Konsortium hat darauf ein Patent angemeldet; Ärzte sollen die Technik zur Verpflanzung der Surrogat-Embryonen (SET) kaufen.

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Das Fortpflanzungsgeschäft blüht. Patrick Steptoe und Robert Edwards, die am 25. Juli 1978 die Geburt des ersten "Retortenbabys" Louise Brown verkündet hatten, verhelfen seitdem in ihrem Privatinstitut unentwegt künstlich im Glas befruchteten Kindern auf den Weg ins Leben. In Wien hat der Arzt Wilfried Feichtinger nach einigem Ärger mit der Universitätsfrauenklinik, wo er die Befruchtung im Glas erlernte, eine private "Ordination für extrakorporale Fertilisierung und Fertilitätsdiagnostik" eröffnet; dort soll ein Retortenbaby relativ preiswert zu haben sein – für etwa 5000 Mark.

Samenbanken wie zum Beispiel die der Frauenärzte Katzorke und Propping in Essen arbeiten mit dem Kältetechnik-Konzern Messer Griesheim GmbH zusammen. Sie frieren Samen ein und nennen ihr Institut folgerichtig "Kryo-Bank" (Tieftemperatur-Bank). Hier können beispielsweise Männer, die Unfruchtbarkeit nach einer Hodenkrebs-Behandlung befürchten müssen, ihr Gut gegen eine jährliche Depot-Gebühr von 400 Mark aufbewahren – für den Fall, daß sie später genetisch eigene Kinder wünschen.

Samenbank für Nobelpreisträger

Die künstliche Befruchtung mit Spendersamen (heterologe Insemination) kann man hierzulande in der Bad Pyrmonter Privatklinik des Ehepaars Schaad für ein Pauschalhonorar von 4500 Mark bekommen. Das scheint kein besonders horrendes Honorar zu sein, kostet ein (komplizierterer) Embryo-Transfer doch in den meisten Kliniken 8000 Mark – und zwar pro Eingriff, In der Bundesrepublik schlagen sich Eltern und Ärzte derzeit noch mit den Krankenkassen herum, ob diese den ET-Eingriff bezahlen oder nicht.

In den Vereinigten Staaten soll ein gespendetes menschliches Ei derzeit mit 400 Dollar bezahlt werden, von Patenten und Gebühren einmal abgesehen. Geld gibt es auch für Mietmütter, in Amerika zwischen 25 000 und 40 000 Dollar.

Mietmütter stellen ihren Leib zur Verfügung, wenn zum Beispiel eine Frau mit Kinderwunsch nicht in der Lage ist, eine Schwangerschaft zu "halten" ("habitueller Abort") oder wenn bei ihr kein Ei reift. Die eigenen Eizellen der Mietmütter – neuerdings können es aber auch gespendete Eier anderer Frauen sein – werden mit den Samen der jeweiligen späteren Väter künstlich befruchtet (gelegentlich auch natürlich). Dann trägt die Gebär-Amme das Baby aus und liefert es vertragsgemäß nach der Geburt an das bis dahin kinderlose Ehepaar ab.

Bei dieser wie bei anderen Vorgehensweisen kann es natürlich Ärger geben. Aus Kalifornien wurde erstmals Anfang 1981 der Fall einer Mietmutter bekannt, die sich weigerte, das Kind herauszugeben (es war in diesem Fall mit der Mietmutter genetisch verwandt, da diese ihre eigene Eizelle fremdbefruchten ließ). In Michigan kam es 1982 zu Streitigkeiten, weil ein solcher Dreier-Sprößling behindert zur Welt kam und niemand ihn haben wollte. Was passiert, wenn die auftraggebenden, Ei- und Samenzelle zur Verfügung stelenden Eltern eine Mißbildung auf ungesunden Lebenswandel der Ersatzmutter zurückführen? Wer ist verantwortlich, wenn sich das schon befruchtete Ei aus der Gebärmutter der Ei-Spenderin nicht ausspülen läßt? Soll die Spenderin dann abtreiben lassen oder einfach das Kind eines fremden Mannes bekommen? Was soll geschehen, wenn bei Samenspenden Verwechslungen unterlaufen? So bekam ein weißes britisches Ehepaar per Spendersamen ein Baby mit schwarzer Hautfarbe, wo doch ohnehin die Fremd-Insemination fast immer geheimgehalten wird, weil sich der Mann wegen seiner Unfruchtbarkeit schämt.

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Eine Bad Pyrmonter Patientin etwa wollte nach künstlicher Insemination und anschließender Scheidung den Namen des Samenspenders erfahren, um Alimente einzuklagen. Droht nun 15 000 bundesdeutschen Samenspendern die Vaterschaftsklage? Einem Urteil des Bundesgerichtshofes zufolge ist das dem Spender gegebene Versprechen auf Anonymität nichts wert, Was aber ist, wenn ein Kind aus einem sogenannten Samencocktail stammt, einer Mixtur aus den Spermien mehrerer Spender?

Wenigstens den möglichen Problemen mit Mietmüttern will Tom Lind im britischen Newcastle upon Tyne aus dem Weg gehen: Der Gynäkologe und Geburtshelfer will in seiner Retortenbaby-Klinik grundsätzlich nur noch gespendete Menschen-Eier in der Petrischale befruchten. Dies sei die ethisch einwandfreie Methode für erbkranke Mütter. Lind meint, es handele sich um eine vorgeburtliche Adoption.

Die verwirrenden Kombinationsmöglichkeiten faßt der Direktor der Universitätsfrauenklinik Münster, Fritz Beller, so zusammen; "Der Samen kann vom Ehemann stammen, der damit der genetische Vater ist, es kann aber auch das Sperma eines Spenders verwendet werden (fehlende Identität von Ehemann und genetischem Vater). Das gleiche gilt für die weibliche Seite. Das El kann von der Ehefrau stammen oder von einer Eispenderin (fehlende Identität von Ehefrau und genetischer Mutter). Darüber hinaus kann ein in vitro-fertilisiertes Ei eines genetischen Vaters und einer genetischen Mutter, aber auch ein solches von Spendersperma und Spender-Ei einer dritten Person (zweiten Frau) eingesetzt werden, die zum Austragen der Schwangerschaft verwandt wird."

Die Visionen müssen gar nicht so weit gehen wie in einem Fernsehspiel der BBC in dem sich ein junges Paar seinen Nachwuchs im Supermarkt mit Hilfe eines "Genberaters" aussucht. Der Münsteraner Klinikchef macht sich lediglich Gedanken darüber, wem da welcher Bauch eigentlich noch gehören soll und welchen Wert Begriffe wie "Eltern" künftig haben werden. Resigniert faßt er zusammen, die junge Generation, die mit all dem fertig werden muß, habe "noch nicht einmal begriffen, was auf sie zukommt". Vor allem: Hat eigentlich schon einmal jemand darüber nachgedacht, was diese Kinder aus dem Brutkasten empfinden werden, wenn sie erst einmal Fragen stellen können? Und warum diese Eile?

Der ideologische Weg ist nicht weit zu Nietzsches "Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf." Wie weit ist das Rassengesetz der Nazis auch geistig überwunden? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Sozialdarwinismus, Soziobiologie und Reproduktionsphysiologie

William Shockley hatte zunächst wenig mit Biologie zu tun: Er erhielt als Mitentdecker des Transistoreffekts 1956 den Physik-Nobelpreis. Berühmter wurde er in den letzten Jahren durch eine andere Idee: Shockley ist überzeugt, daß sämtliche menschlichen Charaktereigenschaften einschließlich der Intelligenz vererbbar seien – eine Auffassung, die moderne Genetiker längst ad acta gelegt haben. Folgerichtig müsse das, was bei Rennpferden funktioniert, auch beim Menschen möglich sein: Nur die Besten sollen sich vermehren.

Die Idee der Nobelpreisträger-Spermienbank war geboren. Sie wurde in den sechziger Jahren von einem Freund Shockleys gegründet, dem Augenarzt Robert Graham, der ein Vermögen mit der Erfindung weicher Kontaktlinsen gemacht hatte. Kundinnen fanden sich bald: vermögende, hübsche, gebildete Damen. Im August 1982 kam die erste Frucht des skurrilen Experimentes zur Welt, Daron Blake. Die Mutter ist Afton Blake – eine Psychologin, die genetic betterment (genetische Verbesserung) für Frauen-Pflicht hält. Sie hatte die Wahl des genetischen Vaters anhand eines detaillierten Kataloges treffen können und sich für Nr. 28 entschieden, einen "brillanten Wissenschaftler, Musiker und Athleten".

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François Jacob, führender französischer Genetiker und ebenfalls Nobelpreisträger, hat über Grahams "Bank" gespottet, "der Versuch, Nobelpreisträger in Millionenhöhe aufzulegen, führt proportional letztlich zum selben Anteil von Idioten wie in der Gesamtbevölkerung". Und George Bernard Shaw soll einer Dame, die ihm vorschlug, gemeinsam ein Kind mit ihrer Schönheit und seiner Intelligenz zu zeugen, geantwortet haben: "Gerne, aber haben Sie daran gedacht, daß der umgekehrte Fall eintreten könnte?"

In der Tat: Der Shockley-Graham-Versuch ist längst als idiotisch entlarvt. Aber die Denkensart ist bei manchen Wissenschaftlern geblieben. Und bei manchen Politikern: Die Regierung von Singapur verkündete jüngst ein neues Programm zur Familienplanung. Während weniger gebildete Bürger auch künftig nicht mehr als zwei Kinder haben dürfen, sollen "beruflich erfolgreiche und akademisch gebildete Eltern" große Familien gründen können. Ministerpräsident Lee-Kuan-Yew hält dies für "das beste Mittel, den Anteil intelligenter und gebildeter Bürger in Singapur zu erhöhen".

Die ethische Zeitbombe tickt

Niemand sollte in Zukunft behaupten, man hätte die Entwicklung nicht voraussehen können. Bereits 1963 erschien das Buch "Man and His Future", ein Protokoll des damaligen Ciba-Symposions über den Menschen und seine Zukunft; das Treffen war von einer Stiftung des Basler Pharmakonzerns Ciba organisiert worden. Im Vorwort wird richtig prognostiziert, daß die Biologie bald in die Natur des Menschen einzugreifen imstande sei. Die Teilnehmer des Treffens – viele der damals führenden Biowissenschaftler – waren sich einig: Zum Überleben der Menschheit müsse minderwertiges Erbgut eingedämmt und höherwertiges gezüchtet werden. Wissenschaftlich ist vieles von dem, was auf dem Ciba-Symposion vorgebracht wurde, nicht mehr ernst zu nehmen, weltanschaulich um so mehr.

Gen-Tests spielen dabei die geringere Rolle, auch wenn in den Vereinigten Staaten – zumindest dort – große Firmen begonnen haben, ihre Arbeiter danach auszusuchen, ob sie von ihrer Erbsubstanz her krankmachende Arbeitsbedingungen überstehen. Das scheint billiger als Arbeitsschutzmaßnahmen und Produktionsverzichte,

Heutige Reproduktionstechnik und Genmanipulation sind noch gründlicher in der Lage, das "genetische Kapital" zu beeinflussen.

Dabei scheint es durchaus begrüßenswert, daß beispielsweise Genprodukte wie Enzyme bei bestimmten Erbleiden schon heute ersetzt werden können. Auch eine wirkliche Gentherapie rückt greifbar nahe: Körperzellen mit Gendefekten werden "repariert". So gibt es erste Versuche, bei Blutkrankheiten wie der Sichelzellanämie oder der Beta-Thalassämie das defekte beziehungsweise fehlende Gen in die Stammzellen des Knochenmarks – der Produktionsstätte neuer Blutplättchen – zu implantieren.

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Doch auch hier taucht sogleich die Mißbrauchs-Frage auf: Nature berichtete 1981 über die Experimente von Martin Cline von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, der Versuche mit je einem Patienten in Israel und in Italien veranstaltete, um seine hauseigene Ethik-Kommission zu umgehen. Cline hatte rein therapeutische Versuche an todgeweihten Patienten mit genmanipulativen Methoden verknüpft und den Kranken auch noch ungerechtfertigte Hoffnungen gemacht (er wurde von seiner Universität gefeuert).

Der Fall Cline ist offenbar ein Zeichen für die "Neigung von Wissenschaftlern, mit Aufnahme des Forschungsprogramms die Objektivität zu verlieren", meint auch der Berliner Embryologe Horst Spielmann, selbst – wenn auch mit kritischer Distanz – am ersten Berliner Retortenbaby beteiligt. Auch der amerikanische Molekularbiologe Professor Robert Sinsheimer hält eine Trennungslinie zwischen der Behandlung von Erbkrankheiten und eugenischen Absichten für nicht ziehbar. Und eine "Mikrobiologische Arbeitsgruppe" am Bundesgesundheitsamt macht – wiewohl prinzipiell eher positiv gestimmt – auf die medizinischen Risiken einer Übertragung von Genen in Körperzellen aufmerksam und darauf, daß zum Beispiel die "Gen-Analyse" jenseits medizinischer Notwendigkeiten zur "diskriminierenden Auslese" eingesetzt werden könnte. Wieviel mehr muß die gelten, wenn Gentechnik mit Eingriffen in die Fortpflanzung kombiniert wird?

Dabei scheinen in die reine Gen-Therapie ohnehin übertriebene Erwartungen gesetzt worden zu sein. Professor Karl Sperling, Leiter des Humangenetischen Instituts am Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin, verdeutlicht den Definitionsunterschied: Die Gen-Therapie betrifft nur einen Patienten, mit der Gen-Manipulation würde die Erbmasse verändert. Er verweist auf fehlende Indikationen: "Eine Gen-Therapie wäre nur dann sinnvoll, wenn bei dominanten Erbleiden das defekte Gen entfernt werden könnte. Die reine Einfügung eines Normal-Gens könnte die klinische Symptomatik – wenn überhaupt – nur mildern, denn ein normales Gen besitzen diese Patienten ja bereits. Es kommen daher allein rezessive Erbleiden für eine derartige Therapie in Betracht." Hier aber beträgt das Risiko für die Nachkommenschaft, statistisch gesehen, 25 Prozent – die drei gesunden können nicht rechtzeitig von einer kranken befruchteten Eizelle unterschieden werden.

Einem Bericht in "Nature" Ende letzten Jahres zufolge hat eine öffentliche Anhörung bei den nationalen amerikanischen Gesundneitsinstituten (kurz NIH) ergeben, daß nur wenige der 3000 bekannten Erbkrankheiten gentherapeutisch in den Griff zu bekommen sind; in absenbarer Zeit werden gerade die verbreitetsten Leiden wahrscheinlich nicht darunter sein. Warum wird dann derart viel Geist und Geld in dieses Gebiet gesteckt?

Methodisch lehrend sind die geschilderten Studien sicherlich für den nächsten Schritt, die Gen-Manipulation, also den Eingriff in die Keimbahn und damit die Beeinflussung nicht nur eines Nachkommens, sondern "der ganzen Linie". Für Sperling ist aber gerade die größte Befürchtung unbegründet, denn multifaktorielle Merkmale wie Intelligenz oder Charakter lassen sich so nicht beeinflussen. Für "unmöglich" wie sein Berliner Kollege hält der Münchener Humangenetiker Professor Jan-Diether Murken dies allerdings nicht: Letztlich sei nicht vorauszusagen, ob nicht eines Tages experimentell nachgeahmt werden könne was die Natur als "Spiel" betreibt.

Sperling und viele seiner Kollegen bemühen sich verständlicherweise darum, daß über die Risiko-Diskussion die segensreiche Seite der Humangenetik – und die gibt es fürwahr – nicht übersehen wird. Doch ihre Begründungen waren in den vergangenen Jahrzehnten schon öfter zu hören: "Erstens ist so etwas‘ beim Menschen gar nicht möglich, und zweitens will niemand allgemeingültige ethische Grenzen überschreiten." Beides wurde oft genug von findigen Forschern konterkariert.

Das geht hin bis zum "echten" Klonen, dem ungeschlechtlichen Übertragen von Zellkernen mit dem Ziel prinzipiell unbegrenzter identischer Nachkommenschaft für ausgewählte Wesen. Als die ersten Kopien von Fröschen gezogen wurden, tauchte die Befürchtung auf, eines Tages könne jemand auf die Idee kommen, auch Menschen vom Fließband herzustellen. Die Wissenschaftler-Welt besänftigte: Bei Säugetieren sei so etwas technisch unmöglich. Doch schon Ende der siebziger Jahre klonte der fingerfertige Genfer Professor Karl Illmensee Mäuse (er wurde letzte Woche von einer internationalen Experten-Kommission vom Vorwurf der Fälschung freigesprochen). Darauf hieß es, beim Menschen sei so etwas aber zu kompliziert ...

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Professor Arno Motulsky, Direktor des Zentrums für Erbkrankheiten an der Universität Washington, beruhigt in einem Übersichtsaufsatz über soziale und genetische Folgen der Genmanipulation im Fachblatt Science Anfang 1983: Selbst wenn Klonen beim Menschen irgendwann möglich wird, "ist es unwahrscheinlich, daß diese Prozedur breit angewendet wird" und "ich glaube nicht, trotz aller Emotionen, daß Klonen beim Menschen schwerwiegende gesellschaftliche Probleme hervorrufen wird

Bisweilen muten die einzelnen Studien und Statements wie Salami-Taktik an: Was zunächst abschreckt, wird irgendwann einmal Alltag; und was im einzelnen begrüßenswert aussieht, muß es in Kombination lange nicht sein.

Bestes Beispiel ist die an sich hervorragende pränatale Diagnostik. Jahrelang mußten sich engagierte Ärzte und Medizinpublizisten dafür einsetzen, daß alle Möglichkeiten, Erbkrankheiten schon vor der Geburt zu erkennen, auch wirklich zur Verfügung stehen.

Inzwischen aber deutet sich an, daß "hier eine ethische Zeitbombe tickt" – so der Freiburger Fachmann für medizinische Ethik, Professor Eduard Seidler. Er beobachtete bei fortschreitenden Möglichkeiten der modernen Medizin eine verstärkte gesellschaftliche Abwehr gegen behindertes Leben. "Die Angst des Menschen vor der eigenen Mißgestalt, dieses ‚archaische Bild‘, sichtbar seit Menschengedenken in den Vorstellungen von der buckligen Hexe, dem hinkenden Teufel oder dem schielenden Blöden, werde um so präsenter, je mehr die Medizin verspreche, gesunde Kinder "anzubieten’." Vielen Eltern, sagt Seidler, scheint die Verwirklichung des "Traums vom besseren Menschen" so nahe, daß sie meinen, ein "einklagbares Recht auf ein gesundes Kind zu besitzen".

Zum einen kann dies dazu führen, daß Eltern, die sich beispielsweise dafür entscheiden, ein mongoloides Kind auszutragen, in erhebliche soziale Konflikte geraten. Nicht nur die Umgebung ("so etwas ist doch heute nicht mehr nötig"), auch gottspielende Ärzte wollen gelegentlich entscheiden, welche Spielarten der Natur unzulässig seien. So hat eine genetische Beratungsstelle im südlichen Teil der Republik noch bis vor kurzem Eltern eine Abtreibungsverpflichtung unterschreiben lassen für den Fall, daß sich bei der pränatalen Diagnostik eine Chromosomenstörung wie das Down-Syndrom ("Mongolismus") herausstellt.

Wie viele "erbgesunde" Kinder sind eigentlich unter den 40 000, die täglich Hungers sterben?

Druck kann es zum anderen auch auf Ärzte geben. In zwei Urteilen hat der Bundesgerichtshof kürzlich Eltern Schadenersatz zugesprochen, weil Ärzte die vorgeburtliche Diagnostik unzureichend betrieben und damit eine mögliche Abtreibung verhindert hatten: Jan-Diether Murken mußte sich schon mehrfach juristisch mit Eltern auseinandersetzen, welche die Bekanntgabe des Geschlechts ihres ungeborenen Kindes verlangten (das fällt bei der vorgeburtlichen Diagnostik mit an), um gegebenenfalls nur deswegen abtreiben zu lassen, weil sie nur einen Jungen oder nur ein Mädchen wollen. In Indien, wo die Frau wenig gilt, wird solchen Wünschen nahezu routinemäßig stattgegeben.

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Kinder nach Katalog? Nur noch methodische Probleme hindern, sich Haut-, Haar- oder Augenfarbe auszusuchen. Wieviel gilt da noch das Recht jeder Person, ob krank oder nicht, als Individuum respektiert zu werden?

Dabei sind gerade in jüngster Zeit Entwicklungen in der pränatalen Diagnostik gelungen ("Chorionzotten-Biopsie" oder neue, auch gentechnische Analysen zur Erkennung von Stoffwechselerkrankungen), die ganz unbestreitbar einen Fortschritt bedeuten. Doch wenn hier nicht rechtzeitig Grenzen gezogen werden, wird wieder einmal ein positiver Ansatz zur Gefahr geraten – etwa, wenn einzig das gesunde Wunschkind als gesellschaftlich akzeptabel gilt.

Faszinierend, aber in ähnlicher Weise zweischneidig sind die Ansätze, pränatale Diagnostik folgerichtig mit pränataler Therapie zu ergänzen: der Fötus wird Patient. So hat Professor Michel Harrison aus San Francisco ein Verfahren entwickelt, eine angeborene Harnwegs-Blockierung zu beseitigen, indem er einen ableitenden Katheter durch die mütterliche Bauchdecke hindurch einführt. Diese Mißbildung führte bislang unweigerlich zu Nierenzerstörung und Lungenfunktionsstörungen und damit zum Tod kurz nach der Geburt. Im Tierversuch hat Harrison solche Mißbildungen sogar schon außerhalb des Mutterleibes operiert und das Ungeborene anschließend zurückimplantiert.

Auch medikamentöse und chirurgische Behandlungen von angeborenen Herzfehlern wurden und werden erst durch ausgefeilte Ultraschall-Untersuchungen praktikabel, wie sie beispielsweise an der Universitäts-Frauenklinik Bonn vorangetrieben wurden. Versuche mit in den Mutterleib geschobenen Kathetern zu helfen, gibt es auch für die vorgeburtliche Behandlung des Wasserkopfes, Operations-Versuche bei angeborenen Zwerchfellhernien (Brüchen).

Professor Joachim Dudenhausen aus Berlin konnte nachweisen, daß man durch Gabe von Schilddrüsenhormonen in das Fruchtwasser die Lungenreife des Feten fördern kann. Lungenunreife zählt zu den größten Problemen moderner Perinatalmedizin; Kinder, die sonst nach der Geburt sterben würden, können auf diese Weise – und zwar unbeschadet – überleben.

Solche Versuche scheinen von der Sorge um das Kind geprägt. Andere Experimente erscheinen da schon fragwürdiger: Science berichtete über von mehreren Universitäten gemeinsam vorgenommene Versuche, Hirnschäden durch Übertragung von fötaler Hirnmasse zu lindern. Und zwei amerikanische Experimentatoren, die nach einer Behandlung für Neuralrohr-Defekte suchen, öffneten die Gebärmutter einer trächtigen Äffin im zweiten Schwangerschaftsdrittel, zogen den an der Nabelschnur hängenden Fetus teilweise heraus, entfernten "überstehendes" Hirngewebe und verschlossen die Schädeldecke wieder. Abgesehen von den Risiken fragt sich, mit welchen geistigen Fähigkeiten ein solches Kind zur Welt käme, würde die Methode (was deren Protagonisten anstreben) am Menschen angewendet.

Die ethische Problematik, viel simpler, liegt schon darin, daß die Entscheidung über Leben und Tod "von der Natur in die Hand von Menschen übergeht", meint Yves Dumez vom Pariser Krankenhaus Port-Royal.

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"Wenn der Applaus verhallt", resümierte Alfred Rosenberg 1982 in Science, "muß man in aller Ruhe über die Konsequenzen nachdenken." Zum Beispiel würden – so seine Zukunftsbefürchtung – viele Eltern darauf bestehen, außergewöhnliche Maßnahmen auch bei Babys zu versuchen, die keinerlei Chance haben.

Es muß wohl auch damit zu tun haben, daß "Kinderwunsch keinen Raum mehr für das Kind als eigenständiges Wesen übrig läßt" (Petersen und Teichmann), man Kinder macht, daß auch die Geburt selbst zum ideologischen Tummelplatz geworden ist. Bedeutet der ärztliche Grundsatz, Leben zu erhalten, den Kampf um jedes Kindesleben? Wie kann die Würde der Betroffenen noch gewahrt werden? "Und", so fragt der Geburtshelfer Dudenhausen, "fördert die Macht über Konzeption, Kontrazeption, Schwangerschafts- und Geburtsrisiken die Negierung der individuellen Konflikthaftigkeit der Fortpflanzung?"

Diese Fragen berühren sowohl heutige Geburtshilfe als auch die nachgeburtliche Hilfe. In Kalifornien – medienträchtiger Triumph – kam vor einem guten Jahr ein Kind zur Welt, dessen Mutter drei Monate zuvor den Gehirntod gestorben war. Was haben solche Superleistungen noch mit dem ärztlichen Prinzip nil nocere (auf keinen Fall schaden) und der "Würde des Menschen" zu tun?

Professor Waldemar Hecker, Kinderchirurg an der Universität München, hat es wahrscheinlich gut gemeint, als er zweieinhalbjährige siamesische Zwillinge auseinanderoperiert hat. Die beiden Buben waren von der Hüfte bis zum Brustbein aneinandergewachsen, hatten zusammen drei Beine, keinen After und kompliziert verwachsene Gedärme. Seit ihrer Geburt am 18. Dezember 1979 waren sie schon fünfmal operiert worden, um überhaupt überleben zu können. Am 23. Juni 1982 operierte Hecker mit weiteren 15 Ärzten sechzehneinhalb Stunden lang. Jedes Kind bekam ein Bein, die Hälfte der gemeinsamen Leber, einen Teil des Dickdarms und einen künstlichen Darmausgang.

Ein krasses Beispiel, gewiß. Im Prinzip aber steckt dahinter die gleiche Problematik wie im Alltag von Geburtshilfe und Neonatologie (Neugeborenenmedizin). Dabei geht es häufig um Frühgeburten mit extrem niedrigem Geburtsgewicht. In den letzten Jahren konnten immer mehr gerettet werden, viele wurden gesund, aber einige trugen dauerhafte, teils schwere Schäden davon. Für den nachdenklichen Arzt knüpfen sich daran Gewissensprobleme – Fragen, die nur zynisch klingen. Soll man eine Mutter der Gefahr eines Kaiserschnitts in der 28. Woche aussetzen, wenn äußerst ungewiß ist, ob das Kind leben und gesund sein wird? Ab wann "lohnt" sich die Reanimation eines Neugeborenen – bei 800, bei 600, bei 400 oder schon bei 200 Gramm?

Fälle wie der von "Baby Jane Doe" zeigen das Dilemma in überdeutlicher Form: Die Eltern lehnten die Verlängerung eines qualvollen Lebens ab, die behandelnden Mediziner wollten dennoch eingreifen, Gerichte gaben den Eltern recht, Reagans Regierung versuchte sich in Ethik per Regierungserlaß (egal mit welchem Ausgang, es muß therapiert werden), andere Ärzte protestierten.

Forscher-Finesse und ärztliche Kunst schon zu Beginn unseres Lebens – von vor der Befruchtung bis nach der Geburt. Entscheidungen sind zu treffen, nicht über das "ob", sondern über das "wie". "Seid fruchtbar und (ver)mehret Euch, bevölkert die Erde und macht sie Euch untenan": Das Buch Genesis sagt wenig über Gründe und Grenzen. Trifft die der Kiefer Retortenteam-Chefin Lieselotte Mettler zugeschriebene Bemerkung zu, wonach "die Bibel kein ethisches Lehrbuch" sei? Aber an welcher Elle soll gemessen werden?

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Ethik-Kommissionen haben sich als bisweilen willkürlich, bisweilen willfährig erwiesen. Politiker hinken hinterher, ob es um die Erforschung des Atom- oder die des Zellkerns geht.

Bisherigen Definitionen der Grenzen bescheinigt der Erlanger Rechtsmediziner Professor H.-B. Wuermeling in der Münchener Medizinischen Wochenschrift – zu Recht – "ethische Dürftigkeit". Kein Wunder, wo doch manch ein Wissenschaftler Regeln nur als "Übung in Public Relations" (Nature), als Beruhigungspille für die Öffentlichkeit betrachtet, ansonsten aber die "Freiheit der Wissenschaft" als höchstes Gut deklariert. Dabei wird übersehen, daß Gefahr weniger von Skeptikern als vielmehr aus der Verflechtung von Ehrgeiz, Forschung und Geschäft droht. Was eigentlich spricht dagegen, bei einem so empfindlichen Gebiet auf die eine oder andere "wissenschaftliche" Erkenntnis zu verzichten?

Wissenschaftler sind jetzt zum Moratorium verpflichtet, zu einer Atempause, die auch Neuorientierungen ermöglicht.