„Wenn der Applaus verhallt“, resümierte Alfred Rosenberg 1982 in Science, „muß man in aller Ruhe über die Konsequenzen nachdenken.“ Zum Beispiel würden – so seine Zukunftsbefürchtung – viele Eltern darauf bestehen, außergewöhnliche Maßnahmen auch bei Babys zu versuchen, die keinerlei Chance haben.

Es muß wohl auch damit zu tun haben, daß „Kinderwunsch keinen Raum mehr für das Kind als eigenständiges Wesen übrig läßt“ (Petersen und Teichmann), man Kinder macht, daß auch die Geburt selbst zum ideologischen Tummelplatz geworden ist. Bedeutet der ärztliche Grundsatz, Leben zu erhalten, den Kampf um jedes Kindesleben? Wie kann die Würde der Betroffenen noch gewahrt werden? „Und“, so fragt der Geburtshelfer Dudenhausen, „fördert die Macht über Konzeption, Kontrazeption, Schwangerschafts- und Geburtsrisiken die Negierung der individuellen Konflikthaftigkeit der Fortpflanzung?“

Diese Fragen berühren sowohl heutige Geburtshilfe als auch die nachgeburtliche Hilfe. In Kalifornien – medienträchtiger Triumph – kam vor einem guten Jahr ein Kind zur Welt, dessen Mutter drei Monate zuvor den Gehirntod gestorben war. Was haben solche Superleistungen noch mit dem ärztlichen Prinzip nil nocere (auf keinen Fall schaden) und der „Würde des Menschen“ zu tun?

Professor Waldemar Hecker, Kinderchirurg an der Universität München, hat es wahrscheinlich gut gemeint, als er zweieinhalbjährige siamesische Zwillinge auseinanderoperiert hat. Die beiden Buben waren von der Hüfte bis zum Brustbein aneinandergewachsen, hatten zusammen drei Beine, keinen After und kompliziert verwachsene Gedärme. Seit ihrer Geburt am 18. Dezember 1979 waren sie schon fünfmal operiert worden, um überhaupt überleben zu können. Am 23. Juni 1982 operierte Hecker mit weiteren 15 Ärzten sechzehneinhalb Stunden lang. Jedes Kind bekam ein Bein, die Hälfte der gemeinsamen Leber, einen Teil des Dickdarms und einen künstlichen Darmausgang.

Ein krasses Beispiel, gewiß. Im Prinzip aber steckt dahinter die gleiche Problematik wie im Alltag von Geburtshilfe und Neonatologie (Neugeborenenmedizin). Dabei geht es häufig um Frühgeburten mit extrem niedrigem Geburtsgewicht. In den letzten Jahren konnten immer mehr gerettet werden, viele wurden gesund, aber einige trugen dauerhafte, teils schwere Schäden davon. Für den nachdenklichen Arzt knüpfen sich daran Gewissensprobleme – Fragen, die nur zynisch klingen. Soll man eine Mutter der Gefahr eines Kaiserschnitts in der 28. Woche aussetzen, wenn äußerst ungewiß ist, ob das Kind leben und gesund sein wird? Ab wann „lohnt“ sich die Reanimation eines Neugeborenen – bei 800, bei 600, bei 400 oder schon bei 200 Gramm?

Fälle wie der von „Baby Jane Doe“ zeigen das Dilemma in überdeutlicher Form: Die Eltern lehnten die Verlängerung eines qualvollen Lebens ab, die behandelnden Mediziner wollten dennoch eingreifen, Gerichte gaben den Eltern recht, Reagans Regierung versuchte sich in Ethik per Regierungserlaß (egal mit welchem Ausgang, es muß therapiert werden), andere Ärzte protestierten.

Forscher-Finesse und ärztliche Kunst schon zu Beginn unseres Lebens – von vor der Befruchtung bis nach der Geburt. Entscheidungen sind zu treffen, nicht über das „ob“, sondern über das „wie“. „Seid fruchtbar und (ver)mehret Euch, bevölkert die Erde und macht sie Euch untenan“: Das Buch Genesis sagt wenig über Gründe und Grenzen. Trifft die der Kiefer Retortenteam-Chefin Lieselotte Mettler zugeschriebene Bemerkung zu, wonach „die Bibel kein ethisches Lehrbuch“ sei? Aber an welcher Elle soll gemessen werden?