François Jacob, führender französischer Genetiker und ebenfalls Nobelpreisträger, hat über Grahams "Bank" gespottet, "der Versuch, Nobelpreisträger in Millionenhöhe aufzulegen, führt proportional letztlich zum selben Anteil von Idioten wie in der Gesamtbevölkerung". Und George Bernard Shaw soll einer Dame, die ihm vorschlug, gemeinsam ein Kind mit ihrer Schönheit und seiner Intelligenz zu zeugen, geantwortet haben: "Gerne, aber haben Sie daran gedacht, daß der umgekehrte Fall eintreten könnte?"

In der Tat: Der Shockley-Graham-Versuch ist längst als idiotisch entlarvt. Aber die Denkensart ist bei manchen Wissenschaftlern geblieben. Und bei manchen Politikern: Die Regierung von Singapur verkündete jüngst ein neues Programm zur Familienplanung. Während weniger gebildete Bürger auch künftig nicht mehr als zwei Kinder haben dürfen, sollen "beruflich erfolgreiche und akademisch gebildete Eltern" große Familien gründen können. Ministerpräsident Lee-Kuan-Yew hält dies für "das beste Mittel, den Anteil intelligenter und gebildeter Bürger in Singapur zu erhöhen".

Die ethische Zeitbombe tickt

Niemand sollte in Zukunft behaupten, man hätte die Entwicklung nicht voraussehen können. Bereits 1963 erschien das Buch "Man and His Future", ein Protokoll des damaligen Ciba-Symposions über den Menschen und seine Zukunft; das Treffen war von einer Stiftung des Basler Pharmakonzerns Ciba organisiert worden. Im Vorwort wird richtig prognostiziert, daß die Biologie bald in die Natur des Menschen einzugreifen imstande sei. Die Teilnehmer des Treffens – viele der damals führenden Biowissenschaftler – waren sich einig: Zum Überleben der Menschheit müsse minderwertiges Erbgut eingedämmt und höherwertiges gezüchtet werden. Wissenschaftlich ist vieles von dem, was auf dem Ciba-Symposion vorgebracht wurde, nicht mehr ernst zu nehmen, weltanschaulich um so mehr.

Gen-Tests spielen dabei die geringere Rolle, auch wenn in den Vereinigten Staaten – zumindest dort – große Firmen begonnen haben, ihre Arbeiter danach auszusuchen, ob sie von ihrer Erbsubstanz her krankmachende Arbeitsbedingungen überstehen. Das scheint billiger als Arbeitsschutzmaßnahmen und Produktionsverzichte,

Heutige Reproduktionstechnik und Genmanipulation sind noch gründlicher in der Lage, das "genetische Kapital" zu beeinflussen.

Dabei scheint es durchaus begrüßenswert, daß beispielsweise Genprodukte wie Enzyme bei bestimmten Erbleiden schon heute ersetzt werden können. Auch eine wirkliche Gentherapie rückt greifbar nahe: Körperzellen mit Gendefekten werden "repariert". So gibt es erste Versuche, bei Blutkrankheiten wie der Sichelzellanämie oder der Beta-Thalassämie das defekte beziehungsweise fehlende Gen in die Stammzellen des Knochenmarks – der Produktionsstätte neuer Blutplättchen – zu implantieren.