Doch auch hier taucht sogleich die Mißbrauchs-Frage auf: Nature berichtete 1981 über die Experimente von Martin Cline von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, der Versuche mit je einem Patienten in Israel und in Italien veranstaltete, um seine hauseigene Ethik-Kommission zu umgehen. Cline hatte rein therapeutische Versuche an todgeweihten Patienten mit genmanipulativen Methoden verknüpft und den Kranken auch noch ungerechtfertigte Hoffnungen gemacht (er wurde von seiner Universität gefeuert).

Der Fall Cline ist offenbar ein Zeichen für die "Neigung von Wissenschaftlern, mit Aufnahme des Forschungsprogramms die Objektivität zu verlieren", meint auch der Berliner Embryologe Horst Spielmann, selbst – wenn auch mit kritischer Distanz – am ersten Berliner Retortenbaby beteiligt. Auch der amerikanische Molekularbiologe Professor Robert Sinsheimer hält eine Trennungslinie zwischen der Behandlung von Erbkrankheiten und eugenischen Absichten für nicht ziehbar. Und eine "Mikrobiologische Arbeitsgruppe" am Bundesgesundheitsamt macht – wiewohl prinzipiell eher positiv gestimmt – auf die medizinischen Risiken einer Übertragung von Genen in Körperzellen aufmerksam und darauf, daß zum Beispiel die "Gen-Analyse" jenseits medizinischer Notwendigkeiten zur "diskriminierenden Auslese" eingesetzt werden könnte. Wieviel mehr muß die gelten, wenn Gentechnik mit Eingriffen in die Fortpflanzung kombiniert wird?

Dabei scheinen in die reine Gen-Therapie ohnehin übertriebene Erwartungen gesetzt worden zu sein. Professor Karl Sperling, Leiter des Humangenetischen Instituts am Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin, verdeutlicht den Definitionsunterschied: Die Gen-Therapie betrifft nur einen Patienten, mit der Gen-Manipulation würde die Erbmasse verändert. Er verweist auf fehlende Indikationen: "Eine Gen-Therapie wäre nur dann sinnvoll, wenn bei dominanten Erbleiden das defekte Gen entfernt werden könnte. Die reine Einfügung eines Normal-Gens könnte die klinische Symptomatik – wenn überhaupt – nur mildern, denn ein normales Gen besitzen diese Patienten ja bereits. Es kommen daher allein rezessive Erbleiden für eine derartige Therapie in Betracht." Hier aber beträgt das Risiko für die Nachkommenschaft, statistisch gesehen, 25 Prozent – die drei gesunden können nicht rechtzeitig von einer kranken befruchteten Eizelle unterschieden werden.

Einem Bericht in "Nature" Ende letzten Jahres zufolge hat eine öffentliche Anhörung bei den nationalen amerikanischen Gesundneitsinstituten (kurz NIH) ergeben, daß nur wenige der 3000 bekannten Erbkrankheiten gentherapeutisch in den Griff zu bekommen sind; in absenbarer Zeit werden gerade die verbreitetsten Leiden wahrscheinlich nicht darunter sein. Warum wird dann derart viel Geist und Geld in dieses Gebiet gesteckt?

Methodisch lehrend sind die geschilderten Studien sicherlich für den nächsten Schritt, die Gen-Manipulation, also den Eingriff in die Keimbahn und damit die Beeinflussung nicht nur eines Nachkommens, sondern "der ganzen Linie". Für Sperling ist aber gerade die größte Befürchtung unbegründet, denn multifaktorielle Merkmale wie Intelligenz oder Charakter lassen sich so nicht beeinflussen. Für "unmöglich" wie sein Berliner Kollege hält der Münchener Humangenetiker Professor Jan-Diether Murken dies allerdings nicht: Letztlich sei nicht vorauszusagen, ob nicht eines Tages experimentell nachgeahmt werden könne was die Natur als "Spiel" betreibt.

Sperling und viele seiner Kollegen bemühen sich verständlicherweise darum, daß über die Risiko-Diskussion die segensreiche Seite der Humangenetik – und die gibt es fürwahr – nicht übersehen wird. Doch ihre Begründungen waren in den vergangenen Jahrzehnten schon öfter zu hören: "Erstens ist so etwas‘ beim Menschen gar nicht möglich, und zweitens will niemand allgemeingültige ethische Grenzen überschreiten." Beides wurde oft genug von findigen Forschern konterkariert.

Das geht hin bis zum "echten" Klonen, dem ungeschlechtlichen Übertragen von Zellkernen mit dem Ziel prinzipiell unbegrenzter identischer Nachkommenschaft für ausgewählte Wesen. Als die ersten Kopien von Fröschen gezogen wurden, tauchte die Befürchtung auf, eines Tages könne jemand auf die Idee kommen, auch Menschen vom Fließband herzustellen. Die Wissenschaftler-Welt besänftigte: Bei Säugetieren sei so etwas technisch unmöglich. Doch schon Ende der siebziger Jahre klonte der fingerfertige Genfer Professor Karl Illmensee Mäuse (er wurde letzte Woche von einer internationalen Experten-Kommission vom Vorwurf der Fälschung freigesprochen). Darauf hieß es, beim Menschen sei so etwas aber zu kompliziert ...