Professor Arno Motulsky, Direktor des Zentrums für Erbkrankheiten an der Universität Washington, beruhigt in einem Übersichtsaufsatz über soziale und genetische Folgen der Genmanipulation im Fachblatt Science Anfang 1983: Selbst wenn Klonen beim Menschen irgendwann möglich wird, "ist es unwahrscheinlich, daß diese Prozedur breit angewendet wird" und "ich glaube nicht, trotz aller Emotionen, daß Klonen beim Menschen schwerwiegende gesellschaftliche Probleme hervorrufen wird

Bisweilen muten die einzelnen Studien und Statements wie Salami-Taktik an: Was zunächst abschreckt, wird irgendwann einmal Alltag; und was im einzelnen begrüßenswert aussieht, muß es in Kombination lange nicht sein.

Bestes Beispiel ist die an sich hervorragende pränatale Diagnostik. Jahrelang mußten sich engagierte Ärzte und Medizinpublizisten dafür einsetzen, daß alle Möglichkeiten, Erbkrankheiten schon vor der Geburt zu erkennen, auch wirklich zur Verfügung stehen.

Inzwischen aber deutet sich an, daß "hier eine ethische Zeitbombe tickt" – so der Freiburger Fachmann für medizinische Ethik, Professor Eduard Seidler. Er beobachtete bei fortschreitenden Möglichkeiten der modernen Medizin eine verstärkte gesellschaftliche Abwehr gegen behindertes Leben. "Die Angst des Menschen vor der eigenen Mißgestalt, dieses ‚archaische Bild‘, sichtbar seit Menschengedenken in den Vorstellungen von der buckligen Hexe, dem hinkenden Teufel oder dem schielenden Blöden, werde um so präsenter, je mehr die Medizin verspreche, gesunde Kinder "anzubieten’." Vielen Eltern, sagt Seidler, scheint die Verwirklichung des "Traums vom besseren Menschen" so nahe, daß sie meinen, ein "einklagbares Recht auf ein gesundes Kind zu besitzen".

Zum einen kann dies dazu führen, daß Eltern, die sich beispielsweise dafür entscheiden, ein mongoloides Kind auszutragen, in erhebliche soziale Konflikte geraten. Nicht nur die Umgebung ("so etwas ist doch heute nicht mehr nötig"), auch gottspielende Ärzte wollen gelegentlich entscheiden, welche Spielarten der Natur unzulässig seien. So hat eine genetische Beratungsstelle im südlichen Teil der Republik noch bis vor kurzem Eltern eine Abtreibungsverpflichtung unterschreiben lassen für den Fall, daß sich bei der pränatalen Diagnostik eine Chromosomenstörung wie das Down-Syndrom ("Mongolismus") herausstellt.

Wie viele "erbgesunde" Kinder sind eigentlich unter den 40 000, die täglich Hungers sterben?

Druck kann es zum anderen auch auf Ärzte geben. In zwei Urteilen hat der Bundesgerichtshof kürzlich Eltern Schadenersatz zugesprochen, weil Ärzte die vorgeburtliche Diagnostik unzureichend betrieben und damit eine mögliche Abtreibung verhindert hatten: Jan-Diether Murken mußte sich schon mehrfach juristisch mit Eltern auseinandersetzen, welche die Bekanntgabe des Geschlechts ihres ungeborenen Kindes verlangten (das fällt bei der vorgeburtlichen Diagnostik mit an), um gegebenenfalls nur deswegen abtreiben zu lassen, weil sie nur einen Jungen oder nur ein Mädchen wollen. In Indien, wo die Frau wenig gilt, wird solchen Wünschen nahezu routinemäßig stattgegeben.