Im sogenannten „Erzberger-Prozeß“, der vom 19. Januar bis 12. März 1920 in Berlin stattfand, wurde der Kläger freilich zum Angeklagten. Immer neue Facetten des Problems „Geld und politischer Stil“ tauchten auf, so daß Erzberger sich noch während des Prozesses beurlauben Heß und nach dem für ihn ungünstigen Urteilsspruch sein Ministeramt niederlegte. Das Berliner Gericht erkannte viele Vorwürfe Helfferichs als berechtigt an und sah durch die Vermischung persönlicher Geldinteressen mit Politik das Prinzip der Wohlanständigkeit verletzt.

Im Sold von August Thyssen

Um was ging es bei diesen Vorwürfen? Erzberger hatte während der Kriegsjahre als Aufsichtsratsmitglied der Firma Thyssen im Sold des mächtigen August Thyssen gesunden. Seiner Kriegszielpolitik haftete in den Augen des Gerichts etwas Zwielichtiges an: In der Öffentlichkeit sei Erzberger im Verlaufe des Krieges immer stärker als Politiker des annexionslosen Friedens aufgetreten, intern aber habe er sich durch energisches Auftreten gegenüber den Behörden für Annexionen, besonders der französischen Erzgebiete, eingesetzt, die hauptsächlich im Privatinteresse der Firma Thyssen gelegen hätten. Erzbergers Entgegnung fiel schwach aus und zeugt von mangelndem politischen Instinkt:

„Ich war bis 1918 ein freier Abgeordneter und muß danach beurteilt werden. Ich war kein Gehaltsempfänger, ich bin auch kein Pensionsempfänger. Im Rahmen des Erlaubten, des Üblichen, des Schicklichen aber habe ich mich gehalten, wo ich mich geschäftlich betätigte, sei es bei Thyssen oder Berger oder bei den Anhydatwerken. Ich sah immer die vermittelnde Tätigkeit der Abgeordneten, soviel Zeit und Arbeit sie auch beanspruchte, als eine der schönsten Seiten der Abgeordnetenpflicht an. Hilfe leisten, wo andere nicht mehr helfen können, ist mir immer eine Freude gewesen und soll es bleiben, wenn auch jeder solche Schritt verdächtigt wird. Solche Hilfe gewähre ich Tausenden, Bekannten und Unbekannten, Parteifreunden und Nicht-Parteifreunden. Da durfte, konnte und wollte ich meine Freunde nicht ausschließen: Sie wären dann unter ein Ausnahmerecht gestellt worden. Ich heische keine Bevorzugung, sondern die Erfüllung berechtigter Wünsche im Rahmen allgemeiner Interessen.“

Erzbergers Abgeordnetentätigkeit während des Ersten Weltkriegs war Gegenstand des Berliner Prozesses, nicht sein Verhalten als Minister. Dennoch stellte die Verteidigung Helfferichs im Rückgriff auf die deutsche Parlamentstradition geschickt eine Erzberger belastende Verbindung her:

„Der Beruf des Abgeordneten trägt den Charakter des öffentlichen Amtes an sich, eines Amtes, das das nationale Ethos zum Ausdruck bringen soll. Ohne Zweifel ergibt sich aus der gekennzeichneten rechtlichen Stellung des Abgeordneten als eines Verwesers eines öffentlichen Amtes, daß dieselben Anforderungen, die das Beamtenrecht an die Beamten stellt, auch für ihn gelten.“

Als juristisches Argument sind diese Ausführungen unzutreffend, politisch betrachtet aber enthalten sie einen Wahrneitskern. Politiker, sei es in der Funktion als Abgeordneter oder Minister, gefährden sich selbst und die Sache, für die sie eintreten, wenn sie Sonderinteressen, so mächtig diese auch sein mögen, über das Allgemeininteresse stellen. Politische Tätigkeit bedeutet nicht nur Einflußnahme auf politische Entscheidungen; sie setzt Politiker aller Schattierungen immer auch offenen oder versteckten Versuchen der Einvernahme aus.