Von Helmut Niemeyer

Silvester 1945. Wer in Europa noch einmal davongekommen war, erwartete um Mitternacht den Beginn des ersten Friedensjahres, zwischen Trauer und Hoffnung versuchte sich die Munterkeit der Übriggebliebenen. Improvisierte Feste unter beschädigten Dächern, in irgendeiner Kellerwohnung zwischen den Gästen ein „dunkler junger Mann mit samtenen tiefen Augen“. Am Boden sitzend, begann er später in dieser Nacht zu singen, „wobei er versuchte, die tiefste Lage zu erreichen. Anfangs verstand ich die Worte sehr schwer, da sie deutsch waren, dann aber konnte ich sie verstehen: „Flandern in Not / In Flandern reitet der Tod‘ ... Nach jeder Strophe schlug er mit der Faust auf den Fußboden und sprach mit noch tieferer Stimme den Refrain ‚Ge-Stor-Ben‘. So erscheint Paul in meinen ältesten Erinnerungen als Akteur in der Rolle des beau ténébreux.“

Von Paul Celan ist hier die Rede, ein Freund aus seinen Bukarester Tagen hat diese Erinnerung erst kürzlich bekanntgemacht. (Ovid S. Crochmălniceanu: „Bruchstücke einer Erinnerung“, Zeitschrift für Kulturaustausch, Heft 3, 1982, S. 213/14.) „Seine angenehmen Gesichtszüge (er war ein schöner Junge), der geheimnisvolle Nimbus, den er um sich schaffen konnte, die poetische Intensivität seiner Gesten trugen dazu bei, zahlreiche und schnelle Eroberungen zu machen: Er besaß unbestreitbar die Gaben eines Charmeurs.“

Und „Flandern in Not“ gehörte offenbar dazu: „Es war eine seiner unfehlbaren ,Nummern‘“. Mag der Berichterstatter sich nach Jahrzehnten im Hinblick auf Daten und Anlässe nicht immer ganz sicher sein, die erste Begegnung mit dem „schönen Jungen“ hat sich wohl nachdrücklich eingeprägt, und dessen deutsches Lied ist richtig zitiert.

„Anfangs verstand ich die Worte schwer, da sie deutsch waren“: Auch und gerade wenn man die Worte mühelos versteht, fällt es nicht eben leicht, dies zu begreifen. Ein junger Mann von internationaler Bildung, Jude, knapp der Vernichtung entronnen, singt auf Festen der Überlebenden, unter Rumänen, in der Sprache seiner ermordeten Eltern und der ihrer Mörder: ein deutsches Lied vom Tod. Er singt es auf anscheinend faszinierende Weise für Frauen, die er gewinnen möchte, mit dem kaum noch naiven Charme des beau ténébreux“: „gestorben muß sein“.

Deutsche Verse vom Tode, simpel, wohlklingend, singbar, zu denen sich dumpf der Takt klopfen ließ (besonders reizvoll vielleicht da, wo man sie nicht oder kaum verstand) – mit ihnen also hantierte damals (und wohl nicht ungern) ein hochempfindlicher, anspruchsvoller Lyriker, der schon vor dem-Kriege den französischen Surrealismus in Paris kennengelernt hatte und dessen, späteres Werk sich unmittelbarem Verständnis immer mehr entzog.

Was hat es auf sich mit diesen Versen? Schlicht und herkömmlich die Form (Vierzeiler mit Paarreim, Refrain), wohlbekannt aus mittelalterlichen Totentänzen die Figuren (der Landsknecht, das Mädchen, der Tod als Tänzer und Reiter), unüberhörbar der Volksliedton einzelner Fügungen („schön wie ein Cherubim vom Himmel“, „da hat’s das Blut vom Herzen getragen“), insgesamt aber bei aller Altertümlichkeit eher glatt, ohne Brüche und Risse. Der Tod und das Mädchen – sanft und fein, der Tod und der Landsknecht – streng, aber liebevoll. Der Tod als Freund mithin, kein Würger oder Schlächter, nirgends Ekel und Dreck, Schmerz und Angst oder Gewissensnot, verführerisch fast: „gestorben muß sein“.