Die Wahl des 1. Bevollmächtigten in Bremen bringt die IG Metall in Bedrängnis

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe und vermasselte so manchem führenden Sozialdemokraten in Bremen den Fernsehabend. „Arno ist nicht wiedergewählt.“ Magendrücken löste bei den Politikern jedoch weniger die Tatsache aus, daß der alte Sozialdemokrat Arno Weinkauf nach 16 Jahren als erster Bevollmächtigter der IG Metall in der Hansestadt abgewählt wurde, sondern vielmehr der Name des Neugewählten.

Ausgerechnet Hans Ziegenfuß, der streitbare Betriebsratsvorsitzende der Werft AG Weser, ging als Sieger aus der Kampfabstimmung hervor. Damit hatte nun wirklich keiner der 173 IG-Metall-Delegierten gerechnet, als am vergangenen Sonnabend die Vertreter-Versammlung begann. Klar war lediglich, daß es Krach geben würde.

Denn unumstritten war der 56jährige Weinkauf schon lange nicht mehr. Erst vor einem Monat war er heftig ins Kreuzfeuer der innergewerkschaftlichen Kritik geraten. Da hatte der Bürgerschaftsabgeordnete Weinkauf über den Metaller Weinkauf gesiegt. Die IG Metall plädierte nämlich für die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe im kleinsten Bundesland. Die Bremer SPD-Fraktion war dagegen. Nach langen, erbitterten Debatten enthielt sich die gesamte sozialdemokratische Fraktion der Stimme – das Gesetz war damit abgelehnt, denn die CDU war ohnehin dagegen. Proteste und Kritik konzentrierten sich auf die Person Arno Weinkaufs.

Stundenlang debattierten letzten Samstag die Kollegen, aber der große Sturm brach erst danach aus. Als nämlich ein Delegierter Hans Ziegenfuß als Gegenkandidaten für das Amt des ersten Bevollmächtigten vorschlug, griff unversehens Bezirksleiter Otto vom Steeg in die Debatte ein. „Im Namen Hans Maiers“ berichtete vom Steeg, Kandidat Ziegenfuß habe seine Tantiemen als Aufsichtsratsmitglied bei Krupp nicht ordnungsgemäß abgeführt. Ziegenfuß rechtfertigte sich mit dem Hinweis, er habe die Tantiemen für Betriebsratsarbeit und Paket-Aktionen an die polnische Bevölkerung ausgegeben. Die Metaller waren empört, weniger über Ziegenfuß als vielmehr über das Einreifen des Bezirksleiters, das sie als „Schlag unter die Gürtellinie“ und „schlichte Sauerei“ verurteilten.

Für Ziegenfuß war damit die Wahl gelaufen. Er, der zwei Tage vor der Bremer Wahl Bürgermeister Hans Koschnick sein SPD-Parteibuch medienwirksam auf den Tisch geknallt hatte, profitierte jetzt von einem ähnlichen Mitleidseffekt wie damals der Bürgermeister. Mit 86 gegen 81 Stimmen wurde Hans Ziegenfuß zum ersten Bevollmächtigten der IG Metall Bremen gewählt.

Doch noch ist nicht sicher, ob er sein neues Amt überhaupt antreten kann. Denn der Vorstand der IG Metall muß die Wahl bestätigen. Die erste Reaktion der Frankfurter Zentrale war gelassen. Doch die Anerkennung von Ziegenfuß könnte, so heißt es in Bremen, zu Auseinandersetzungen mit den dort regierenden Sozialdemokraten führen. Denn die SPD der Hansestadt registriert mit Sorge, wie engagiert der gelernte Schlosser und Schiffbauer Ziegenfuß seit dem von den Sozialdemokraten sanktionierten Beschluß, „seine Werft“, die AG Weser, zu schließen, gegen die einstigen Parteifreunde kämpft.

Eine Ablehnung des gewählten Bremer Bevollmächtigten könnte andererseits böse Folgen für die Einheit der Gewerkschaft in der Hansestadt haben. Schon jetzt warnt ein prominenter Funktionär von der Weser: „Dann spaltet sich die Bremer IG Metall.“

Ohnehin sind die rund 40 000 Metaller in Bremen längst keine homogene Gruppe mehr. Die seit Jahren anhaltende Schiffbaukrise mit den immer neuen Entlassungswellen hat ihre Spuren hinterlassen. Mangelnde Führungs- und Integrationsqualitäten von Arno Weinkauf trugen ebenfalls nicht gerade zur Stabilisierung bei. Dabei wäre gerade jetzt Solidarität vonnöten, denn die IG Metall steht vor der wohl härtesten Auseinandersetzung der Nachkriegszeit, dem Kampf um die 35-Stunden-Woche.

Ziegenfuß selbst gibt sich unterdessen optimistisch, obwohl er weiß, daß er in der Frankfurter Zentrale wegen der Besetzung der Werft heftig kritisiert wurde. Noch beim IG-Metall-Kongreß im vergangenen Oktober hat es deswegen zwischen Vorstand und einer Gruppe von Betriebsräten, zu der auch Ziegenfuß gehörte, erhebliche Spannungen gegeben.

Seine alten Werftkollegen haben inzwischen eine „verteufelte Ähnlichkeit der Bilder“ entdeckt. Im Bremer Bürgerschaftswahlkampf 1983 habe es zwei vermeintliche Verlierer gegeben: den über die Fünf-Prozent-Hürde gestolperten FDP-Chef Horst-Jürgen Lahmann, der zum Oberfinanzpräsidenten der Hansestadt avancierte, und Hans Ziegenfuß, der die Wahl Koschnicks verhindern wollte und nun auf den sicheren Arbeitsplatz bei der IG Metall „gehievt“ wurde. Helgard Köhne