ZDF, Sonntag, 4. März, 20.15 Uhr: "Der Snob", Komödie von Carl Sternheim, Fernsehbearbeitung und Regie: Wolfgang Staudte

Ein Verwirrspiel von der ersten Minute an. Man glaubt sich in einem der einschläfernden deutschen Fernsehspiele – und wird gleich geweckt. Die Schauspieler benehmen sich so ungeschickt, daß ein Hut vom Kopf fällt. Dann wissen sie nicht weiter, starren durch die Mattscheibe in unser Wohnzimmer, und plötzlich hören wir eine vor uns auftauchende Souffleuse den Schauspielern vorsagen. Jetzt ist auf einmal auch ein Regisseur im Bild, der die erste Szene von Carl Sternheims Komödie "Der Snob" (1913) noch einmal spielen läßt.

Also doch kein Fernsehspiel, sondern eine Theaterprobe? Da widersprechen Rückblenden, Traumsequenzen, innerer Monolog. Wolfgang Staudte, der am 19. Januar bei Dreharbeiten in Jugoslawien gestorben ist, hat einfach gemacht, was er am besten konnte. Er zeigt Sternheims "Snob" als Film. Seine "Fernsehbearbeitung" verdoppelt Sternheims Personal auf sechzehn Spieler, von denen die meisten nur Sekundenauftritte haben. So erreicht er von der ersten bis zur letzten Minute eine Irritierung: Fernsehspiel oder Wirklichkeit? Film oder Theaterprobe? Der Zuschauer wird aufgeschreckt und zum Nachdenken verführt.

Stärker als mit dazuerfundenen Stichwort-Figuren wie Photograph, Pfarrer oder Souffleuse verwirrt Staudte die Zuschauer durch die Besetzung der Titelfigur mit Klaus Maria Brandauer. Was ein Snob ist, das wissen wir doch, oder? Da sehen wir Gustaf Gründgens durchs Lorgnon zwinkern, da näselt Boy Gobert, streicht sich Heinz Baumann die Schmachtlocke aus der Stirn oder tänzelt Hans Christian Rudolph mit blasierter Eleganz über die Bretter. Was will Brandauer da, mit seiner zudringlichen Freundlichkeit? Kein Karrieremacher strampelt sich ab, sondern das Mondgesicht eines unsicheren Aufsteigers erstarrt im Dauerlächeln.

Der Softie als Snob – jetzt werden die Zynismen dieses Wirtschaftskapitäns erst recht böse. Brandauer bellt am Tage der Abrechnung die Geliebte nicht etwa an, wie es Sternheims auf Befehls-Kürzel verknappte Sprache nahelegen könnte ("Gabst dich selbst und Geld bisweilen"), sondern bleibt wienerisch weich bis zum letzten Wort, wenn er die Frau, die ihn jahrelang ausgehalten hat, verabschiedet mit dem verletzend charmanten Geschenk: "Da nimm den Kuß umsonst. – Du hast mir die Krawatte verschoben."

Staudte läßt sich ein auf die Besonderheiten des Hauptdarstellers. In einer an seinen großen Film nach Heinrich Manns "Untertan" erinnernden, psychologisch subtilen Erklärung der Gestalt läßt er uns an den Angstträumen teilhaben, die diesen Aufsteiger quälen. Ärmliche Kindheit, die für tot erklärten Eltern, die ausbezahlte Geliebte: Die verdrängte Vergangenheit quillt in Angstvisionen und Alpträumen auf.

Mit einem ansehnlichen Ensemble (Sigfrit Steiner, Heinz und Anne Bennent, Heinz Baumann, Gudrun Genest, Nicole Heesters) und einem Kameramann (Lajos Koltai, der Brandauer aus der gemeinsamen Arbeit am "Mephisto"-Film kennt) gelingt es Staudte, Sternheims "Snob" nicht als historisches Spiel vom Anfang des Jahrhunderts zu präsentieren, sondern als Charakterporträt einer zu allen Zeiten drohenden Verführbarkeit.

Rolf Michaelis