Von Dietrich Strothmann

Wie das klingt: Ruhestand, Pension, Alterssitz. Und das mit gerade 59 Jahren und nach knapp 23 Jahren in der Ludwigsburger "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen". Sonst sind Männer in diesem Alter selbst nach dieser Dienstzeit nach wie vor "voll auf der Höhe", "zeigen es den Jungen noch".

Warum Adalbert Rückerl dennoch seinen Hut nahm, sagt er nicht von sich aus, auch das nicht: Daß ihn die Arbeit krank gemacht haben muß, gerade diese Arbeit. Wie er auch, selbst in einem langen Abschiedsgespräch, mit keinem einzigen Wort erwähnt, wie oft er in den langen Jahren in Ludwigsburg keinen Schlaf finden konnte, wie oft er, beim Studium der Dokumente, beinahe den Verstand verloren haben muß, nicht mehr weiterlesen, nachdenken konnte. Er spricht auch jetzt, zum Schluß, nicht darüber.

Höchstens in einem Nebensatz, nebenhin gesprochen, erwähnt er: "Mit der Zeit stumpft man ab. Aber dann liest man, wie einer Mutter der Säugling aus dem Arm gerissen, in die Luft geworfen und erschossen wurde. Oder wie ihm der Kopf gespalten, wie er gegen die Barackenwand geworfen wurde." Und danach wurde dann an die Mörder eine Extraration Schnaps ausgegeben. Der Mensch als des Menschen schlimmster Feind.

Adalbert Rückerl ist nun wirklich einer der wenigen, die fast alles genau wissen, was damals an den Erschießungsgruben, auf den Selektionsrampen, vor den Gaskammern geschah – und der es wohl noch immer nicht begreifen kann, daß es geschah, auch nach 23 Jahren der mühevollen, aufreibenden, kräfteverzehrenden Spurensicherung nicht. Und er wird es selbst dann nicht begreifen können, wenn er Abstand hat von seiner Arbeit, von den Aktenbergen und randvollen Karteikästen seiner Behörde.

Geholfen hat es ihm ja auch nicht, daß er in seinem spartanisch eingerichteten Dienstzimmer in der Schondorfer Straße der Stuttgarter Vorstadt Ludwigsburg bunte Kalenderblätter anmutiger Landschaften, ein Bild vor allem des geliebten Chiemsees, an die Wände gehängt hatte – Gegenbilder aus einer heilen Welt sozusagen. Manchmal, wenn es ihm beinahe den Atem verschlug, hat er sie sich angesehen: um Atem zu holen.

Doch nicht diese ablenkenden Abbilder ruhiger, sanfter Natur sind der "Hauptschmuck" des Chefzimmers in der "Zentralen Stelle". Es ist eine riesige Karte Mitteleuropas, zwei mal drei Meter, auf der alle 700 Konzentrations- und Vernichtungslager, dazu die Nebenlager, mit bunten Stecknadeln markiert sind: grün für Auschwitz, blau für Buchenwald. Eine Landkarte des Leidens und Sterbens, der Maßstab des Mordens in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus. Eine Karte, wie es wohl keine zweite gibt.

Sie war, jeder der Stecknadelköpfe, Adalbert Rückerls tägliche Arbeit – seit dem Mai 1961, als er von der Bielefelder Staatsanwaltschaft zu der drei Jahre zuvor von den Justizministern eilig gegründeten "Zentralen Stelle" abgeordnet worden war. Anfangs nur für ein Jahr, dann schließlich für 23 Jahre, von 1966 an im Rang eines Leitenden Oberstaatsanwaltes als ihr Chef (nachdem seinem Vorgänger und Vorgesetzten Erwin Schüle aus Ost-Berlin vorgehalten worden war, er sei Mitglied der NSDAP und der SA gewesen).

Wie oft war es dennoch Routine, wenn wieder zu einer der vielen Stecknadeln auf dieser Todeskarte aus einem Archiv in Warschau, Moskau oder Prag eine neue Sendung Dokumente in Ludwigsburg eingetroffen war: Noch ein paar hundert Tote, noch ein paar Beschuldigte, wieder Nachforschungen, Nachfragen, Nachprüfungen – nach Zeugen und ihrer Glaubwürdigkeit, nach Tätern und ihren gegenwärtigen Anschriften, nach Beweisen und Belegen, nach Tathergang und Tatrelevanz (im abstrakten juristischen Sinn).

Wie oft dann wohl schlug die Routine des Spurensuchers und Staatsdetektivs um in Resignation: Berechtigen denn die Vorwürfe zu weiteren Ermittlungen, zur Anklageerhebung? Werden nicht die Verdächtigten und ihre Familie durch eine notwendige pauschale Beschuldigung zum Zwecke einer juristischen Durchbrechung der bis 1979 noch gültigen Verjährungsfrist leichtfertig belastet? Sind die dann später Angeklagten nicht zu krank, zu alt, um noch vor ihren Richter gestellt, um verurteilt werden zu können? Reicht das Erinnerungsvermögen der Zeugen-Opfer noch nach 40 Jahren zum gerechten Urteilsspruch aus? Und überhaupt: Welchen Sinn hat Strafe als Sühne, als Vergeltung, zum Zweck der Resozialisierung, der Generalprävention – wo ein Verurteilter für einen tausendfachen Mord büßen soll?

Nachdenken führt da nur zu der einen plausiblen Lehre für die Nachgeborenen: Mord bleibt Mord, Recht muß Recht bleiben, selbst Jahrzehnte danach. Und leben nicht auch noch die Opfer, die oft nur der Zufall oder ein gnädiges Schicksal am Leben ließ?

Solche bohrenden Fragen beschäftigten Adalbert Rückerl und seine Staatsanwälte in Ludwigsburg immer wieder, sie belasteten auch. Mehr als die Aversion, die ihnen anfangs noch in der Öffentlichkeit entgegenschlug ("Nazijäger", "zweite Entnazifizierung" oder das häßliche Wort des damaligen Ludwigsburger Oberbürgermeisters Sauer über den "bestimmten Geruch", der seiner Stadt durch die "Zentrale Stelle" anhafte). Stärker auch als die Steine, die ihnen mal Bonn, mal Regierungen der Ostblockstaaten in den schwierigen Weg legten, Verbrechen mit so großer Verspätung verfolgen zu müssen, die bis dahin ohne Beispiel waren in der Geschichte, gerade auch der Geschichte der Rechtsprechung.

Er selber, der Oberpfälzer vom Jahrgang 1925, der damals in München studiert und von Dachau gehört hatte (der Hausmeister im Wohnhaus seiner Eltern, ein Kommunist, war dort gewesen und noch vor Kriegsausbruch als gebrochener Mann entlassen worden), hatte wie die meisten nach 1945 keine Vorstellung von dem Ausmaß der Verbrechen gehabt. Die Nürnberger Urteile im Radio, ein Tag juristischer Anschauungsunterricht im Dachauer Verfahren, später als Assessor in Bielefeld "per Zufall das Studium einiger, noch unbenutzter Bände der blauen Nürnberger Prozeßakten, schließlich der Auftrag, die Unterlagen eines alten Verfahrens aus dem Komplex "KZ Alderney" aufzuarbeiten – allmählich erst war Adalbert Rückerl auf das gestoßen, was ihn dann über lange Zeit intensiv beschäftigen sollte: die detaillierte Enthüllung eines staatlich sanktionierten und organisierten Massenmordes. Und schon bald geriet die "Zentrale Stelle" ins öffentliche Gerede, der Justiz als "Feigenblatt" oder als "Aushängeschild" zu dienen. Böse Zungen verdächtigten den Ludwigsburger Leiter schnell als Büttel der Bewältiger.

Adalbert Rückerl ist trotzdem, trotz Lob und Tadel, trotz Erfolg und Niederlage, einer der Stillen im Lande geblieben. Seiten, daß er sich einmal mit einem kraftvollen Wort der Verteidigung nach draußen wandte – etwa, wenn er sagte: Schließlich hätte die 1945 ausgebliebene Revolution nicht im Gerichtssaal nachgeholt werden können; oder wenn er bemerkte: "Wer die NS-Prozesse aus Patriotismus ablehnt, zeigt nur, wie unterentwickelt sein Patriotismus ist."

Sachlich erledigte er seine schreckliche Arbeit, nüchtern ist sein Urteil über diesen großen Bewältigungsversuch der Justiz: "Eine Geschichte des guten Willens". Und er ist, bedenkt er den Schrecken jener Zeit, den er ausgraben und aufdecken mußte, ein Überwältigter geblieben, auch wenn er es niemandem gestehen mag. "Es war nur ein Versuch, immerhin ein Versuch."

Die Jahre über bewahrte Adalbert Rückerl, der am letzten Februartag aus Gesundheitsgründen sein Amt verließ – des Schaltjahres wegen sogar einen Tag später –, im Dienstschrank ein Stück abgesplittertes Holz auf. Es stammt aus dem alten Fußboden seines Arbeitszimmers, das einmal zur Küche des ehemaligen Frauentraktes der Ludwigsburger Haftanstalt gehörte ("Im Sommer riecht es hier immer noch nach Sauerkraut"). Die Handwerker hatten es bei ihren Renovierungsarbeiten entdeckt und ihm gegeben. Auf der abgebrochenen . Holzlatte steht, mit Bleistift in fein säuberlicher Sütterlinschrift geschrieben, der Halbsatz: "... unter der Herrschaft der Hakenkreuzler 1933 ... armes Volk ..."

Eine trübe Erinnerung an dunkle deutsche Zeiten. Ein Andenken nun für Adalbert Rückerl zum Abschied.