Botho Strauß verabschiedet ihn: „Wie gewissenhaft und prunkend gedacht wurde, noch zu meiner Zeit! Es ist, als seien seither mehrere Generationen vergangen“, und Jürgen Habermas summiert: „Adorno hinterläßt ein chaotisches Gelände“; Günter Kunert, dem Leben nur einem „Prinzip Hoffnungslosigkeit“ gehorcht, verkündet das „Ende der Aufklärung“ und nennt Goethe den „berühmten Meister der Verkennung und genialen Begriffsstutzigkeit“; von dem aber stammt der Satz: „Ganz allein durch Aufklärung der Vergangenheit läßt sich Gegenwart begreifen.“

Wie nun? Ist das Lebenswerk von Max Horkheimer nur mehr ein Zitaten-Rautendelein, ist Adornos Arbeit bloß ein Bochmann für die besseren Stände? Zu untersuchen ist, ob das in der amerikanischen Emigration erarbeitete zentrale Werk der beiden Philosophen, das 1947 in Amsterdam erstmals erschien, nach fast vier Jahrzehnten erloschen ist und wir uns mit Sloterdijks dünner Lakonie zufriedengeben müssen: „Bei zweitausend Mark netto im Monat beginnt die Gegenaufklärung.“

Tatsächlich ist das Buch – und so nur ist der Begriff „Dialektik“ im Titel zu begreifen – kein Lobpreis; vielmehr handelt es seinerseits bereits, expressis verbis und schon in der „Vorrede“, von der „Selbstzerstörung der Aufklärung“. Damit ist nicht nur die Entstenungszeit der Untersuchung, also der Faschismus, gemeint, sondern die Gefahr einer durchrationalisierten Welt: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt.“

Wir bewegen uns sprachlich auf doppeltem Boden: durchrationalisiert heißt zum einen „vom Verstand durchsäuert“, zum anderen „fließbandmechanisiert“; entzaubert heißt zum einen, von Dämonen, Göttern und Schimären befreit, zum anderen, jenes Zaubers verlustig gegangen, der im Mythos immer dunkel und einleuchtend zugleich war. Adorno/Horkheimer benutzen eine Dialektik der Worte, die kein Spiel ist, sondern Abtasten der Grenze, wo das Positive ins Negative umkippt; auch der Verhältnisse. Da liegt das Faszinosum des Buches, das sich bei neuerlicher Lektüre als nahezu frappant aktuell erweist – unser Verstand hat eine Welt ausgedacht und herbeikonstruiert, die schließlich sich selbst (und damit uns) zerstört: „Das hat die bürgerliche Ökonomik späterhin festgehalten im Begriff des Risikos: die Möglichkeit des Untergangs soll den Profit moralisch begründen... Man hatte ja die Wahl, zu betrügen oder unterzugehen. Daher gehört zur universalen Vergesellschaftung, wie sie der Weltreisende Odysseus und der Solofabrikant Robinson entwerfen, ursprünglich schon die absolute Einsamkeit, die am Ende der bürgerlichen Ära offenbar wird.“

Die verselbständigte Ökonomie als Grundgesetz läßt nicht nur jeden Gedanken zur Ware und die Sprache zu deren Verkünder verkommen, sondern auch die Freiheit zur organisierten Anarchie – bis in die Intimität: „In der Welt des Tausches hat der unrecht, der mehr gibt; der Liebende ist aber allemal der mehr Liebende... Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft.“ Was hier – nicht zufällig in der Wucht der Sprache und im Erkenntnis-Riß an die alttestamentarischen Donnerworte des jungen Marx erinnernd – definiert wird, ist die Versehrung des Menschen durch sich selbst. Bei Marx war es noch „Entfremdung“. Bei Horkheimer/Adorno ist es die Zerstörung. Es ist Neu-Denken nach Auschwitz und Hiroshima. Dabei – wenn man so will: in sich unlogisch – der Versuch, Verhältnisse und Manipulationen transparent zu machen, zu „erhellen“, die doch nicht mehr änderbar oder aufhebbar sind. Das Buch strotzt förmlich von Formulierungen, die den Prozeß der Desinformation, Nivellierung und Entwöhnungskur gleichsam festnageln, in den die moderne Kulturindustrie uns hineinzieht: „Die Standards seien ursprünglich aus den Bedürfnissen der Konsumenten hervorgegangen: daher würden sie so widerstandslos akzeptiert. In der Tat ist es der Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, in dem die Einheit des Systems immer dichter zusammenschießt. / Was nicht konformiert, wird mit einer ökonomischen Ohnmacht geschlagen, die sich in der geistigen des Eingebrötlers fortsetzt. / Tragik wird auf die Drohung nivelliert, den zu vernichten, der nicht mitmacht, während ihr paradoxer Sinn einmal im hoffnungslosen Widerstand gegen die mythische Drohung bestand. Das tragische Schicksal geht in die gerechte Strafe über, in die es zu transformieren seit je die Sehnsucht der bürgerlichen Ästhetik war. / Personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen.“

Man kann, wie Georg Lukács, das als eine intellektuelle Position im „Grand-Hotel Abgrund“ verspotten; man kann es auch als erste Vergeblichkeitssignale vis-à-vis jener Grundlagenbestimmung der Aufklärung begreifen, die ja laut Kant „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist; man muß es aber vor allem als die Basis des Philosophieentwurfs verstehen, wie ihn Horkheimer und Adorno meinten, denen Denken nicht Ziel, sondern Methode war: „Vernunft ist das Organ der Kalkulation, des Plans, gegen Ziele ist sie neutral, ihr Element ist die Koordination.“

Hier liegt das Zentrum des baren Unverständnisses gegenüber jeder Art von Aktionismus bei Adorno – ob nun gegenüber bloßem Busen oder barem Terrorismus. In diesem Buch haben die beiden Väter der Frankfurter Schule ihre erste Skepsis gegen eine aufklärerische Dialektik angemeldet. Adornos Hauptwerk hieß dann „Negative Dialektik“; es beginnt mit dem Satz: „Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben. Weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“ Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz ist Feuilletonchef der ZEIT