Mich hat schon lange kein Buch mehr ähnlich vexiert wie dieses. Inzwischen schlage ich mich mehr als vier Monate damit herum, ihm gerecht zu werden. Nicht darin liegt mein Problem, daß es schon unter der Voraussetzung zur Rezension ansteht, klassisch zu sein, während es mir im Grundlegenden falsch, auch logisch inkonsistent und für die Zukunft völlig ratlos erscheint. Das könnte ich ja ausführen und basta. Schließen würde ich dann mit dem Vorschlag, es – falls nicht zumindest beide Werke auf der Liste Platz hätten – durch Wilhelm Reichs "Massenpsychologie des Faschismus" zu ersetzen.

Das ist auch eine Art Endergebnis (für mich selbst). Der Totalitarismusbegriff, den Hannah Arendt mitgeschaffen hat, ist der Grundbaustein zu der Ideologie des kalten Krieges. Die Fehlkonstruktion ist durch die Ablagerung nicht besser geworden.

Doch das Werk einfach zurückzuweisen, wird meiner Leseerfahrung, stellenweise geradezu Faszination nicht gerecht, die nun wiederum damit zusammenhing, daß man es heute aufschlußreich gegen den Strich lesen kann, nicht nur, aber besonders im Hinblick auf eine andere Seite seines Inhalts, und zwar im Vertrauen auf nur angelehnte Türen in dem Buche selbst. Um gleich ins Haus zu fallen: Wenn die Perspektive gilt, aus der sich Hannah Arendt mit den Greueln des XX. Jahrhunderts, erste Hälfte, auseinandersetzt, dann haben diejenigen Leute aus allen heutigen politischen Lagern recht, die die Ökopax-Bewegung und die Grünen mit schöner Regelmäßigkeit in die Nähe der Nazis rücken.

Gegen die Ökopax-Bewegung spricht dann nämlich einfach, daß sie eine antiinstitutionelle Massenbewegung ist (in Wirklichkeit natürlich auf eine Neuinstitutionalisierung der Gesellschaft abzielt). Denn: "Totalitäre Bewegungen sind Massenbewegungen, und sie sind bis heute die einzige Organisationsform, welche die modernen Massen gefunden haben und die ihnen adäquat erscheint." Prognostisch ist natürlich nicht die totale Herrschaft als ein Geronnenes interessant, sondern die totalitäre Bewegung, aus der sie hervorgehen kann.

Wie gesagt, wenn Massenbewegungen per definitionem totalitär sind – wie man ja aus mancherlei Erfahrungen der Zwischenkriegszeit schließen konnte –, ist es legitim zu fragen: Wer hat vor den Grünen schon mal im Parlament gesungen? Und das ist der geringste Verdacht. Sind doch die Grünen und Alternativen gegen "das System", gegen das die Nazis auch schon mobil gemacht hatten. Da den jetzigen Parteienvertretern schwant, sie litten angesichts noch ernsterer Herausforderungen als in der Weimarer Zeit an mindestens derselben Unfähigkeit, eine Rettungspolitik zu entwickeln, liegt es nahe, die grüne Systemkritik durch Analogie zu denunzieren. Dazu liefert Hannah Arendts Buch im ganzen wie im einzelnen Munition.

Es liegt aber die ganze Schwäche ihrer Position in dem beiläufigen Satze, "daß es letztlich gegen solche modernen Massenbewegungen Wehr kaum gibt", wofür sie übrigens, obwohl auf Le Bon und Ortega y Gasset sich berufend, eine quasi-marxistische Ableitung gibt, indem sie den sozialpsychischen Effekt der sogenannten "Vermassung" und ihrer politischen Ausnutzbarkeit auf die industriell-kapitalistische Produktionsweise zurückführt. Im Kern geht es um den Entfremdungsprozeß, dem die Dynamik des "Fortschritts" tendenziell alle Menschen unterwirft und der bei krisenhaften Beschleunigungen und Kontinuitätsbrüchen zu Eruptionen führen muß.

In dem Massenbegriff Hannah Arendts steckt vor allem das, was Dürkheim "Anomie" genannt hat, also soziale Entbindung und Funktionsverlust, Verlust der sozialen Zuordnung und Geborgenheit, sowohl der Identität als auch der elementaren Lebenssicherheit. Es sei, schreibt sie, das Hauptmerkmal der Massenmenschen, "daß sie keinem sozialen oder politischen Körper mehr angehören, sondern ein wahres Chaos individueller, nicht transformierbarer Interessen darstellen. Die noch so massenhafte Aufsummierung dieser untransformierbaren individuellen Interessen ergibt nie ein Gesamtinteresse, wie etwa das Interesse einer Klasse oder Nation, sondern hebt sich in der Masse gerade auf...". So erweist sich die Verteidigung beziehungsweise Wiederherstellung der nach ihrer eigenen Analyse prinzipiell verendenden Klassenorganisationen, Interessenverbände, Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft als ihre letzte Auskunft.