Von Rolf Henkel

München

Der Mann mit dem runden Kopf, den blitzenden Augen und den Händen, die zu jedem Satz wie programmiert gestikulieren, hat wirklich Humor. „Wenn der Herr Polt sagt, ich habe ein Knödelgesicht, dann stimmt das“, bescheinigt er dem bekannten bayrischen Kabarettisten und fügt sofort trotzig hinzu: „Aber ich habe das schönste Knödelgesicht von München!“ Ob mit Witz, Charme oder Ironie – Erich Kiesl (54), seit sechs Jahren CSU-Oberbürgermeister von München, hat wieder einmal in seiner Mischung aus Schlagfertigkeit und niederbayrischer Schläue das letzte Wort gehabt. Wenn ihn Polt und sein Mitspieler Hildebrandt zur Zeit auch mit ihrer Satire „München leuchtet“ in den städtischen Kammerspielen gewaltig verspotten, Erich Kiesl „stört das Ganze nicht“. Zumindest im Augenblick, denn es ist Wahlkampf an der Isar. Am Sonntag wird über Oberbürgermeister und Stadtrat entschieden.

Deshalb zeigen sich alle, die auf der politischen Bühne Rang und Namen haben, von der Schokoladenseite. Und sprechen gut übereinander, selbst wenn das nicht immer so war. „Der Erich Kiesl“, sagt beispielsweise CSU-Chef Franz Josef Strauß, „ist der beste kommunalpolitische Manager, den ich kenne.“ Kein Wunder, daß der SPD-Gegenspieler und Amtsvorgänger des CSU-Rathauschefs, Georg Kronawitter (55), von seinen Genossen heute mit denselben Lobsprüchen überschüttet wird.

Das Rennen ist offen an der Isar. Und Kiesl, der vor sechs Jahren nur deshalb an die Stadtspitze aufrückte, weil Kronawitter als Nachfolger des legendären Hans-Jochen Vogel das Vertrauen seiner eigenen Partei verloren hatte, hat nach Umfragen durchaus Anlaß, bis zum Wahlabend unruhig zu schlafen. Denn selbst wenn er – womöglich in einer Stichwahl zwei Wochen später – in seinem Amt bestätigt wird, kann es sich ergeben, daß die SPD und die Grünen im Stadtrat rein rechnerisch die Mehrheit haben gegenüber der schon versprochenen Koalition von FDP und CSU. Wenn er sich das ausmalt, sucht Kiesl regelmäßig Rückhalt bei Höheren: „Ich nehmen an, daß der liebe Gott das verhindern wird“, sagt er und legt die Stirn des schönsten Münchner Knödelgesichts inbrünstig in Falten.

Denn sechs Jahre CSU-Herrschaft am Münchner Marienplatz haben noch keineswegs so nachhaltige Spuren hinterlassen wie 30 Jahre SPD-Herrschaft zuvor. Lag’s an den Zeitläuften, lag’s an der kurzen Amtszeit oder schlichtweg daran, daß Kiesl sich und seine Verdienste dilettantisch präsentierte – zu einem Volkstribun ist der frühere Staatssekretär aus dem Innenministerium gewiß nicht geworden. Als er 1978 mit 51,4 Prozent schon im ersten Wahlgang die notwendige Mehrheit schaffte, war sein bestes Aushängeschild weder er selbst noch seine CSU. Nur der lange Grabenkampf in der SPD, der schließlich in dem Votum gipfelte, Kronawitter sei seiner Partei für eine zweite Amtsperiode im Rathaus „nicht vermittelbar“, hob Kiesl auf den Schild.

Inzwischen ist bei den Sozialdemokraten einiges anders geworden. Die strengen Ideologen haben sich den Grünen zugewandt, die übrigen spüren jeden Tag aufs neue, wie hart die Bänke der Opposition sein können. Und Kronawitter hat geackert. Nachdem ihn die eigene Partei kaltgestellt hatte, fing er, der zielstrebige Bauernsohn aus dem Landkreis Pfaffenhofen, wieder ganz unten an. Er wurde Kreisverbands-Vorsitzender, stieg in den Unterbezirks-Vorstand auf und wurde schließlich – von manchem seiner Genossen zähneknirschend – zum OB-Kandidaten nominiert. Ob heute die SPD wirklich wieder so geschlossen hinter dem „Schorsch“ steht, wie Hochglanzbroschüren behaupten, wird sich erst am Abend der Wahl erweisen.

Immerhin hat Kronawitter, der schon im Morgengrauen vor Fabriktoren und U-Bahn-Stationen Hände schüttelt, ziemlich deutlich gemacht, daß er sich nicht unterkriegen läßt. Grund genug zu Resignation hätte er allemal gehabt – bei gut 8000 Mark Ruhegeld im Monat auch ein sicheres Polster für ein angenehmes Pensionistenleben. Die „Junge Union“ meint deshalb auch, Kronawitter, der „im Konfirmandengesicht von den Plakatsäulen lächelt“, habe sich als „Wolf im Schafspelz“ rücksichtslos nach oben geboxt. „Schorsch“ sieht sich eher versöhnungsbereit: „Wir haben alle Fehler gemacht, auch ich. Wir müssen bereit sein, daraus zu lernen.“ Und das mit dem „Wolf im Schafspelz“ haut auch nicht so richtig hin: Kronawitter ist weder ein verkappter Linker in der SPD noch kann ihm einer nachsagen, er kämpfe nicht für seine in der Partei ziemlich weit rechts angesiedelte Meinung.

So präsentiert er sich jetzt lieber als ehrlicher Saubermann, der Ausstrahlung durch Kleinarbeit an Wahlkampfständen auf der Straße und in Wirtshäusern ersetzt und der Wähler am liebsten von Mensch zu Mensch per Handschlag überzeugt. Er will, so sagt er, „wieder ein Oberbürgermeister für alle Münchner sein“. Womit das zentrale Thema des Wahlkampfs schon umrissen wäre: Affären, Skandale, Machtmißbrauch und Korruption wirft Kronawitter der CSU und Kiesl vor und wiederholt dafür immer wieder ein schon gerichtlich geklärtes Zitat: „OB Kiesl und die CSU-Fraktion haben Herrn Schörghubers Hausbau‘ ein 20-Millionen-,Baulandgeschenk’ zukommen lassen.“

Dahinter steckt der Verkauf eines großen Baugrundstücks an den Münchner Tycoon Josef Schörghuber (ZEIT Nr. 10/84), einem Niederbayern, der nach dem Krieg nach München kam und der heute nicht nur jede Menge Immobilien besitzt, sondern auch Miteigentümer mehrerer Münchner Brauereien ist. Das Grundstück war von der Stadt als Bauerwartungsland verkauft worden, obwohl es, genaugenommen, längst Bauland war und ein anderer Interessent jene 20 Millionen Mark mehr geboten hätte, die Kronawitter jetzt als „Baulandgeschenk“ bezeichnet.

Für Kiesl freilich ist dies kein Thema. „Nur 20 Prozent der Wähler halten es für möglich, daß die Vorwürfe berechtigt sind“, las er aus einer Umfrage heraus. Für ihn, der täglich Wahlkampf auf der Straße macht und der dabei feststellte, daß „Hundedreck bei den Bürgern immer eine Rolle spielt“, gilt ein Wort Senecas als Leitmotiv: „Es gibt keinen zuverlässigeren Beweis von Geistesgröße, als wenn man sich durch nichts aus der Ruhe bringen läßt.“ Immerhin kann auch er für die letzten sechs Jahre respektable Leistungen vorweisen: 30 Kilometer neugebauter U-Bahn, 661 neue Kleingärten, 33 000 neue Wohnungen und ein paar tausend neuer Arbeitsplätze. „Ich sag’s ganz offen“, beteuert er immer wieder und ist sich des Beifalls sicher, „für mich ist München die schönste Stadt Europas.“

Und trotzdem hat er, wie er plastisch schildert, häufig so etwas wie „einen Panzerwagen auf der Brust“: Das ist nicht etwa seine Fraktion, die ihn in den letzten Jahren mit Geistesblitzen nicht sonderlich verwöhnte, sondern das ist die alptraumhafte Vorstellung von der rot-grünen Mehrheit im Rathaus. „Das Chaos bricht aus“, droht Kiesl, wettert gegen „verbiesterte Teufel“ und beschwört das „Prinzip Hoffnung“.

Doch ganz so schlimm schaut das bei näherem Hinsehen auch nicht aus. Zwar meinte der Münchner SPD-Bundestagsabgeordnete Manfred Schmidt im Presseklub, ein solches „Bündnis“ sei nicht auszuschließen, von „Koalition“ aber wollen die Sozialdemokraten nichts wissen. Kronawitter: „Die gibt es nicht. Ich würde als OB um politische Mehrheiten im Rathaus kämpfen, ob das nun Stimmen von der CSU im einen Fall oder Stimmen von den Grünen im anderen sind.“

Der einzige, der sich wirklich schon festgelegt hat, ist der FDP-Spitzenkandidat Manfred Brunner. Wenn’s schon als Oberbürgermeister nicht klappt, so will der 37jährige wenigstens Bürgermeister neben Kiesl werden und seine Rathausfraktion (bisher 6 Sitze) für die nächsten Jahre der CSU als Partner andienen. Während Kiesl diesem Handel wohlwollend zusieht, hat sich Parteichef Franz Josef Strauß schon ein eigenes Urteil gebildet. „Wenn Brunner von seinen Zielen als Oberbürgermeister spricht, dann weiß er, daß das nur ein Trocken-Skikurs ist“, meint Strauß und nennt den FDPler einen „Ministranten, der nützlich für uns ist.“ „Aber“, sagt der CSU-Chef und macht Brunner doch noch etwas Hoffnung: „Auch jeder Bischof hat ja als Ministrant angefangen.“