Von Wolfgang Gehrmann

Am Aschermittwoch war alles vorbei. Mehr als zwei Jahre lang hatte der schwäbische Pharmaunternehmen Friedrich E. Rentschler versucht, die großen deutschen Chemiekonzerne als Partner für seine Firma Bioferon zu gewinnen, ohne Erfolg. Am Aschermittwoch gab er bekannt, daß er jetzt ins Ausland verkauft. Die Hälfte der Bioferon-Anteile geht an die amerikanisch-schweizerische Firma Biogen.

Die Manager der heimischen Chemieindustrie haben allen Grund, deswegen verkatert zu sein. Die beiden Biofirmen nämlich sind in der Gentechnik aktiv, einer Zukunftsindustrie mit spektakulären ökonomischen Chancen. Immer klarer ist zu sehen – der Einstieg von Biogen bei der schwäbischen Firma ist der jüngste Beweis –, daß die neue Technologie für Europas und Deutschlands Chemie zur amerikanischen Herausforderung wird.

Noch bis vor kurzem konnte weitgehend als Science-fiction gelten, was die Forscher den Marktstrategen der Industrie in Aussicht stellten: Mikroben mit künstlich veränderten Erbanlagen sollen nach menschlichem Befehl ungezählte wirtschaftlich interessante Substanzen produzieren, vor allem rare und hochwirksame Medikamente. Die Fiktion wird jetzt schon real. Bis Ende der achtziger Jahre sollen weltweit bereits für sieben Milliarden Mark gentechnisch hergestellte Produkte verkauft werden.

Anfang vergangenen Jahres kam das erste dieser Mikroben-Produkte auf den deutschen Markt: das Diabetesmittel Insulin. Das menschliche Hormon wird von Bakterien erbrütet, die genetisch darauf programmiert sind. Hersteller ist indes nicht der Frankfurter Pharmariese Hoechst, der den Markt für herkömmliches Insulin beherrscht, sondern das amerikanische Unternehmen Eli Lilly.

Der große Durchbruch soll dieses Jahr kommen. "Ich glaube", so zitierte das Fachblatt Biotechnology jüngst die Analystin eines Brokerhauses in San Francisco, "daß 1984 ein gutes Jahr für die Biotechnik wird. Der Grund: Es kommen weitere Produkte auf den Markt."

Eli Lilly rechnet in den USA mit der behördlichen Zulassung für gentechnisch hergestellte Blutgerinnungsfaktoren und Wachstumshormone. Noch vor der Jahreswende auch könnten jene Wunderdrogen marktreif werden, die dank Gentechnik überhaupt erst ausreichend verfügbar geworden sind: Interferone.