Eine Milliarde Dollar gingen mit dem Zusammenbruch des größten privaten italienischen Kreditinstitutes Banco Ambrosiano in Mailand verloren. Das war vor mehr als anderthalb Jahren, als man den Präsidenten dieser Bank, Roberto Calvi, aufgehängt unter einer Themsebrücke fand. Selbstmord oder Mord – das ist nur eine von vielen noch immer ungelösten Fragen. Mitschuld oder nicht, das ist eine andere Frage, die seitdem das Vatikanische Bankinstitut für Religiöse Werke (IOR) drückt.

Die IOR hatte enge Geschäftsbeziehungen zur Banco Ambrosiano unterhalten. Sie hatte auch Patronatsbriefe für spekulativ verschuldete Tochtergesellschaften der Ambrosiano-Bank ausgestellt, die allerdings durch interne Vereinbarungen zwischen dem IOR-Präsidenten Erzbischof Paul Marcinkus und dem Ambrosiano-Präsidenten Roberto Calvi gleichzeitig mit der Erteilung widerrufen worden waren. Inzwischen haben drei vom Vatikan ernannte Finanzfachleute, darunter so prominente Bankiers im Ruhestand wie der ehemalige Chef der Deutschen Bank Hermann Josef Abs und der Schweizer Philippe de Weck, diese Frage an Hand aller verfügbaren Unterlagen geprüft. Das Ergebnis dieser Prüfungen und zugleich der Verhandlungen, die zwischen dem italienischen Staat und dem Heiligen Stuhl geführt wurden, konkretisiert sich jetzt in der Bereitschaft der Kirche, 250 Millionen Dollar in drei Raten an die Liquidatoren der alten Banco Ambrosiano zu zahlen.

Die alte Ambrosiano-Bank ist nur noch ein Rechtsgebilde. Inzwischen wurde nämlich das gesamte Geschäft auf die Nuovo Banco Ambrosiano übertragen. Während alle italienischen Gläubiger aus dem Ambrosiano-Zusammenbruch entschädigt wurden und sogar die alten Aktionäre günstige Möglichkeiten für den Bezug von Aktien bei der neuen Bank erhielten, warten 88 ausländische Gläubiger-Banken immer noch auf die Erfüllung ihrer Forderungen. Sie haben ihr Geld bei der Ambrosiano-Holding in Luxemburg verloren, welche die weltweit operierende und spekulierende Ambrosiano-Gruppe finanzierte. Sie fordern mindestens 450 Millionen Dollar.

Zunächst hatten die Liquidatoren der alten Banco Ambrosiano diese Ansprüche abschütteln wollen, weil die Mutter keine formalrechtliche Pflicht habe, für die Schulden der Töchter aufzukommen. Aber die Klagedrohungen der internationalen Gläubiger-Banken und die Sorge um den Ruf italienischer Finanzinstitute im Ausland haben die Liquidatoren dann zum Einlenken bewogen.

Die nächste Frage war nur, woher das Geld nehmen? Die Holding in Luxemburg hat nur einen wirklich wertvollen Aktivposten, nämlich den Mehrheitsbesitz der Banca del Gottardo in Lugano (Schweiz). Für dieses Paket hat die japanische Großbank Sumitomo 144 Millionen Dollar geboten, Vorausgesetzt, die Ambrosiano-Angelegenheit wird bereinigt.

Nur weil sie mit Geld aus der Schatulle des Vatikan rechneten, haben die Großgläubiger im Februar ein Abkommen mit den Liquidatoren geschlossen. IOR zahlt die 250 Millionen Dollar als Abfindung an die alte Ambrosiano-Bank in Mailand – und diese reicht das Geld an die 88 internationalen Banken weiter. Die alte Bank bestätigt der IOR dafür, daß mit der Zahlung des Vatikans alle Forderungen abgegolten sind. Die Gläubiger-Banken wiederum werden am Ende den Liquidatoren der Banco Ambrosiano einen Persilschein ausstellen. Auch wenn Rom nun zahlt, sieht die Kirche sich nur durch-die Macht des Schicksals in den Ambrosiano-Zusammenbruch verwickelt, sie weist aber jede Schuldanerkenntnung von sich.

Bis die IOR neu organisiert und Marcinkus abgelöst worden ist, werden die Schatten der spekulativen Vergangenheit immer wieder auftauchen. Wie jetzt etwa im irischen Dublin, wo bei der kleinen Bank Ansbacher & Co. vor drei Jahren 85 Millionen Mark auf das Konto einer Dame namens Antonia Cori eingezahlt, dann abgehoben und in Oktober 1983 auf ein zweites Konto Antonia Cori eingezahlt wurden. Die geheimnisvolle Dame hat niemand gesehen. Wohl aber sind die Ermittlungen beim Obersten Gerichtshof in Dublin auf eine Spur gestoßen, die von der Ambrosiano-Tochterfirma Banco Andino in Peru zur Finanzgesellschaft Bellatrix in Panama führte, von der man nicht weiß, ob sie zur Ambrosiano oder zur Vatikanischen Bank IOR gehört.

Die 85 Millionen Mark seien von 184 Millionen Dollar abgeflossen, welche die Ambrosiano-Tochter Banco Andino der Bellatrix geliehen habe. Die Bellatrix garantierte dieses Darlehen mit einem Aktien-Paket des größten italienischen Verlages, Rizzoli-Corriere della Sera. Hinter der Konteninhaberin Antonia verbirgt sich niemand anders als der damalige Rizzoli-Chef und Mitaktionär Bruno Tassan Din, der inzwischen wegen des Ambrosiano-Krachs in Untersuchungshaft sitzt.

Tassan Din und der Großaktionär Angelo Rizzoli sind Mitglieder der verbotenen Freimaurer Geheimloge P 2, der auch Calvi angehörte.

Liquidatoren, weltliche Gerichte, Gläubigerund die päpstlichen Finanzinquisitoren werden auch nach der formellen zivilrechtlichen Bereinigung des Ambrosiano-Falles noch lange Zeit zu tun haben, um all den verschlungenen Wegen der Dollar-Millionen zu folgen. Damit bleibt auch die Ambrosiano-Affäre ein Kriminalfall, der noch zu lösen ist. Friedhelm Gröteke