Von Hans-Otto Eglau

Es entspricht in diesem Hause einer langen Tradition, führende Leute für öffentliche Ehrenämter freizugeben“, sagt Otto Esser, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) und persönlich haftender Gesellschafter der Darmstädter Chemie- und Pharmagruppe E. Merck. Diese Tradition hat jetzt zu dem Curiosum geführt, daß demnächst die höchsten Repräsentanten der beiden wichtigsten Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft aus demselben Unternehmen kommen werden. Wie Esser bei der BDA soll Merck-Chef Hans Joachim Langmann Mitte Mai als Nachfolger Rolf Rodenstocks für zwei Jahre zum Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) gewählt werden.

Wenn der 59jährige Mecklenburger, Ehemann der Merck-Nachfahrin Marlies Groos, Anfang kommenden Jahres die Führung über die Lobbyzentrale der Industrie am Kölner Gustav-Heinemann-Ufer übernimmt, wird er seinem direkt nebenan amtierenden Kollegen Esser fast so nahe sein wie daheim in der Darmstädter Merck-Verwaltung.

In ähnlicher Konstellation, nur auf einem etwas niedrigerem Level, hatte sich das Merck-Duo schon einmal gegenübergestanden: Als Langmann in den Jahren 1975/76 dem Verband der Chemischen Industrie (einen von 36 BDI-Mitgliedsverbänden) vorstand, war der heutige BDA-Präsident Chef der Chemie-Arbeitgeber. Esser: „Das ist in der Öffentlichkeit nur nicht so aufgefallen.“

Was ist das für ein Haus, aus dem die Präsidenten kommen? Nur wenig Schlagzeilenträchtiges ist bislang über Merck und die Mercks nach außen gedrungen. Weder weckten Kräche und Affären innerhalb der einem üppig verzweigten Stammbaum entsprossenen Familie die allgemeine Neugier, noch zog der nur mit verhaltenem Charme ausgestattete Langmann, von Herkunft Kernphysiker, das besondere Interesse der Medien auf sich. Obwohl mit weltweit 19 000 Beschäftigten und einem Gruppenumsatz von 2,63 Milliarden Mark (1983) alles andere als ein Zwerg, ist das Unternehmen den meisten Bundesbürgern weit weniger geläufig als seine Pharma-Bestseller wie etwa die Vitaminpräparate Cebion, Multibionta oder Vigantol.

Wie bei den Oetkers in Bielefeld, so stand auch bei den Mercks am Anfang ein phantasiebegabter Apotheker: Emanuel Merck, Inhaber der Engel-Apotheke in Darmstadt, wagte 1827 den Sprung in die Großproduktion. Schon viele Jahre zuvor hatten sich aus der ursprünglich in Schweinfurt ansässigen Familie zwei Linien woandershin orientiert: Ihre Spuren sind durch Ernst Merck, Gründer des Hamburger Botanischen Gartens Planten un Blomen, und Heinrich Merck, Mitbegründer des Münchener Privatbankhauses Merck, Fink & Co., bis heute sichtbar geblieben.

Ein Enkel des Gründers, Georg Merck, wanderte Ende vergangenen Jahrhunderts nach Amerika aus und legte mit einer Zweigniederlassung den Grundstein für die spätere Merck & Co., Inc. in New Jersey, die später mit der Firma Sharp & Dohme fusionierte. Heute rangiert der US-Multikonzern Merck, Sharp & Donme, über den die Darmstädter nach dem Ersten Weltkrieg die Kontrolle verloren, unmittelbar hinter Hoechst und Bayer auf dem dritten Platz in der Rangskala der weltgrößten Pharmahersteller.