Nonsens statt Konsens

Aus dem von Claudia Glismann herausgegebenen Band „Edel sei der Mensch, Zwieback und gut – Szene-Sprüche“; erschienen im Wilhelm-Heyne-Verlag, München

Fernseh-Lob

War noch jemand wach? Hat außer den notorischen Mitternachts-Glotzern irgend jemand eine der tollsten Fernseh-Sendungen seit langer Zeit bestaunt? Endlich haben ihn auch die Massen-Medien entdeckt: Rudolf Beck-Dülmen. Der Südwestfunk (SWF) hat sich nicht lumpen lassen: Um den mancherlei bedeutenden Dichter, Musikwissenschaftler, Mediziner und Sozialpolitiker, der bisher verkannt, ja, unbekannt war, in all seinem geistigen Reichtum vorzustellen, konnte der Fernseh-Direktor an der Oos, Dieter Erler, nicht nur den Fernseh-Professor vom Neckar, Walter Jens, und den Musikprofessor und künftigen Intendanten der Württembergischen Staatstheater am Nesenbach, Wolfgang Gönnenwein, zur Geisterstunde vor dem 1. April im Studio begrüßen, sondern gar den frisch gekürten Landesvater selber, Lothar Späth. Wenn es noch mit rechten Dingen zugeht im „Ländle“, hat sich der Ministerpräsident zu später Stunde mit seinen, in vielen tiefsinnigen „Äh“s ins Philosophische ausgreifenden Beiträgen einen Professorentitel humoris causa erschwäbelt. Beck-Dülmen, ein suebischer Nachfahr des holsteinischen Eulenspiegel ist mit dieser Sendung jedenfalls aus den Nebeln des Gerüchts in die Himmer-Wirklichkeit der Mattscheibe gerettet. Ehrungen, wie Späth sie zum 100. Geburtstag des schwäbischen Genius 1986 erwägt, könnten dem Einzelgänger mit dem Doppel-Namen gesamtdeutsche Gefolgschaft sichern. Das wachsende Erschrecken darüber, wie eine der Phantasie gerade gewonnene Gestalt – der wahrhaft unvergleichliche Beck-Dülmen – in den Wogen ungebremst schäumender Polit- und Professoral-Rhetorik gleich wieder ertränkt wird, kann das Staunen nicht verdrängen: Solch spielerisch verspielte, improvisierte Sendung ist im deutschen Fernsehen mit seinen einschläfernden Ausgewogenheits-Richtlinien auch möglich, mit einem CDU-Ministerpräsidenten von geradezu Beck-Dülmenschem Schalk. Ein den Geist weckender Spuk zur Geisterstund’.

Franju in Düsseldorf

Zusammen mit Henri Langlois gründete Georges Franju 1936 die Cinematheque Française, Keimzelle ähnlicher Unternehmungen überall in der Welt. Mit Kurzfilmen wie „Le Sang des bêtes“ und „Hotel des Invalides“ etablierte sich Franju in den 50er Jahren als eine der beherrschenden Gestalten des französischen Films, von gewichtigem Einfluß auf die jungen Regisseure der Nouvelle Vague. Als Franju sich 1958 dem Spielfilm zuwandte, feierte Jean-Luc Godard ihn begeistert: „In allen Dokumentarfilmen von Franju reißt ein Blitz von Wahnsinn plötzlich die Leinwand auf und zwingt den Zuschauer, die Realität in einem anderen Licht zu sehen. In ‚La Tête contre les murs‘, dem ersten Spielfilm des Regisseurs von ‚La Premiere Nuit‘, ist dieser Blitz, diese poetische Illumination, geworden... Franju demonstriert die Notwendigkeit des Surrealismus, jedenfalls wenn man ihn als Pilgerfahrt zu den Quellen betrachtet.“ Das Filmforum in Düsseldorf zeigt vom 6. bis zum 8. April die wichtigsten Kurzfilme und sieben der acht Spielfilme des Regisseurs. Georges Franju, der am 12. April 72 Jahre alt wird, reist zur Retrospektive seiner Filme nach Düsseldorf.

Rothko für (fast) alle

Je größer der Künstler, desto größer der Krach: dann nämlich, wenn der Meister in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist und sich Witwen und Waisen erster und zweiter Klasse in aller Öffentlichkeit um das kostbare Erbe streiten. Der Fall Picasso war da außergewöhnlich nur insofern, als die Millionenhöhe außergewöhnlich war und zum Schluß der französische Staat die zerstrittene Familie in die Knie zwang und nun mit dem Löwenanteil des Werks (Erbschaftsteuer in Naturalien) sein neues Picasso-Museum schmücken kann. Auf eine im positivsten Sinne amerikanische Weise wurde jetzt die Frage nach dem Verbleib des Erbes von Mark Rothko, dem großen Metaphysiker der amerikanischen Moderne, geklärt. Dabei hatte es begonnen wie in einem Mafia-Film: Als Rothko 1970 freiwillig aus dem Leben schied, gab es zwar eine von ihm im Jahr zuvor gegründete Stiftung, aber keine Verfügungen über die Absichten. Bevor über deren Nutzen jedoch nachgedacht werden konnte, geriet diese zunächst heftig ins Schlingern: drei ihrer Kuratoriumsmitglieder waren in den Prozeß verwickelt, der wegen Veruntreuung des Erbes gegen Rothkos Galeristen Loyds (Marlborough Gallery) angestrengt wurde, der 800 Bilder weit unter Wert verkauft hatte. Nach diesen Turbulenzen, die mit der Verurteilung Loyds endeten, hat die Stiftung nun neben einem Ausstellungs- und Aktivitäten-Programm eine erstaunliche Mitteilung publiziert: Sie wird sich nicht selbst perpetuieren, sondern im Laufe der nächsten Jahre den Nachlaß gezielt an zirka zehn amerikanische sowie einige überseeische Museen verteilen und so eine Anzahl von kleinen Rothko-Zentren schaffen. Falls die Lösung hält, was der Plan verspricht, muß man feststellen, daß demokratischer und sinnvoller noch kein Künstler-Erbe bewahrt wurde.