Stephen Jay Goulds Abrechnung mit den Intelligenzforschern aus zwei Jahrhunderten

Von Volker Sommer

Hand aufs Hirn: Glauben Sie nicht auch, daß in größeren Köpfen mehr Grips teckt als in kleineren? Paul Broca jedenfalls, vor hundert Jahren Papst der Schädelkundler an der Pariser Universität, zweifelte überhaupt nicht daran. Als die Hirne zweier Göttinger Professoren jedoch nicht einmal den europäischen Durchschnitt auf die Waage brachten, ließ er sich zu dem tiefsinnigen Zugeständnis hinreißen: „Ein Professorentalar ist nicht unbedingt ein Beweis für Genie. Und sogar in Göttingen sind vielleicht manche Lehrstühle mit nicht gerade bemerkenswerten Männern besetzt.“

Den Wert von Menschen durch Intelligenzmessung bestimmen zu können – diesen Traum träumten im 19. Jahrhundert die Schädelvermesser und im 20. Jahrhundert die Psychologen mit ihren IQ-Tests. Daß bei diesen Forschungen nahezu nichts richtiges herauskam, behauptet ein kürzlich vom amerikanischen Wissenschaftsmagazin Discover zum „Wissenschaftler des Jahres“ gewählter Harvard-Professor: Stephen Jay Gould lehrt Biologie, Geologie und – wichtiger – Wissenschaftsgeschichte. Einen Namen hat er sich nicht zuletzt als Nestbeschmutzer gemacht, da sein Urteil über das Werk verstorbener als auch lebender Intelligenzforscher nicht eben glimpflich ausfällt. Seine Abrechnung lautet:

Stephen Jay Gould: „Der falsch vermessene Mensch“ Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Stuttgart, 1983. 394 Seiten, 44,– DM.

Nicht nur, daß Gould mit geradezu kriminalistischem Spürsinn Zahlenangaben nachrechnet und nachweist, wie durch methodische Schlamperei und rassistische Beweislust Daten in die gewünschte Richtung manipuliert, ja bewußt gefälscht wurden. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen das mit dem traurigen Kapitel der Intelligenzmessung verknüpfte pseudowissenschaftliche Vorurteil, soziale und ökonomische Unterschiede zwischen Rassen, Klassen und Geschlechtern würden sich zwangsläufig aus ererbten und angeborenen Unterschieden ergeben.

Dieser biologische Determinismus macht die Natur „zum Komplizen des Verbrechens der politischen Ungleichheit“, da vom Standpunkt solch konservativer Ideologie jede Forderung nach Chancengleichheit absurd erscheinen muß: Menschen sind, ob arm oder reich, dumm oder klug, moralisch oder entsittlicht, auf Grund ihrer Geburt, was sie sind.