Der Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma, Arno-Schmidt-Nachlaßverwalter und Gründer des „Hamburger Instituts

für Sozialforschung“: ein Mäzen neuen Typus? / Ein Bericht von Fritz J. Raddatz

Die Ente war gefüllt. Nicht „à l’orange“, wie bei uns Mittelständlern allenfalls üblich; sondern mit 350 Millionen Mark. Auch kein Bankraub. Der 2 CV des 28iährigen Germanistikstudenten konnte den Scheck – leichter auszufüllen als einer über DM 138,75 – vielmehr guten Gewissens zur Bank schaukeln: Der einzige Erbe des ihm mehrheitlich gehörenden Tabakimperiums Reemtsma (1980 rund 7,5 Milliarden Umsatz) hatte Kasse gemacht. Bis zu seinem 26. Geburtstag (am 26. 11. 1978) verwaltete ein vom Vater Philipp Fürchtegott eingesetzter Testamentsvollstrecker und Nachlaßverwalter noch das Vermögen: „Ich und Jan Philipp gründen eine Firma“, stellte sich der Diplomkaufmann Dr. Günther Ziegler vor. Doch der Rechenschafts-Herr über so viele Millionen hatte falsch gerechnet – Jan Pilipp (dessen zwei Halbbrüder aus erster Ehe des Vaters im Zweiten Weltkrieg gefallen waren) hatte keine Lust an Firmen, nicht mal der eigenen. „Viele Leute hier verstehend nicht“, hieß es in der vornehmen Art-Deco-Residenz in Hamburg-Othmarschen nach dem Verkauf an die Tchibo-Familie Herz, zumal der junge Mann offenbar in seiner Eile, den Konzern loszuwerden, „Geld verschenkt“ hatte. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte: „Geht man davon aus, daß der ganze Reemtsma-Konzern mit seinen weitverzweigten Brauerei-Interessen eine reichliche Milliarde Mark wert ist, der Erbe rechnerisch eine gute halbe Milliarde hätte erlösen können, so trifft es zu, daß sich Jan Philipp im Laufe der Zeit herunterverhandelt hat und, dem Metier ohnedies nicht zugetan, die Hin- und Herrechnerei am Ende etwas leid war. Im Gegensatz zu einem in die Schweiz retirierten Horten wird er alles auch versteuern.“

Plato statt Platin

Die Geburtsstunde also einen neuen Krupp-Bübchens, mit Goldkettchen, Yacht und auberginefarbenem Rolls-Royce vor der Villa in Marokko? Umgekehrt. Und das ist nun vielen auch wieder nicht recht – der junge Mann erfüllt die klischierten Erwartungen nicht, er „fällt aus der Rolle“; die Enttäuschung einer durch Illustrierte vorgeprägten Öffentlichkeit ist im Lauf der Jahre geradezu in Wut und Denunziation umgeschlagen: Der studiert – statt im Maserati zu rasen? Der kauft Bücher – statt Karibikinseln? Der stiftet Geld – statt es zu verprassen? Plato statt Platin? Wieder alles falsch. Da hat nun einer Aristoteles und Adorno gelesen, Wieland (über dessen „Aristipp“-Roman er promoviert) und Arno Schmidt – die Empörung kennt keine Grenzen. Und das allerschlimmste: der Mann hat Konsequenzen gezogen, hat sich nicht blindgelesen, sondern klargedacht. Auf meine verblüffte Frage, wie denn ein 31jähriger so viel Literatur – ob Philosophie oder Theorie oder Belletristik – überhaupt kennen kann, kommt eine ziemlich schreckliche Antwort: „Wissen Sie, ich war – schon von Kindheit an – immer sehr allein; ich habe eigentlich überhaupt nie etwas anderes getan als lesen.“ Das führte, sozusagen, direkt ins Unheil. Dessen Name ist Arno Schmidt.

Dem Autor begegnete der reiche Student – der an der Uni über die Mode, sich nur per Vornamen anzureden, erleichtert war; jahrelang saß er „unerkannt“ in Hörsaal und Mensa – relativ spät. „Ich hatte angefangen, ihn zu lesen – und verstand ihn nicht. Das ärgerte mich maßlos. Ich las wieder und wieder. Alles, was ich von ihm bekommen konnte. Allmählich erschloß sich mir die verzwackte, verwinkelte Schönheit dieser Prosa – bis es für mich, der geradezu süchtig wurde, die wichtigste moderne Literatur überhaupt war.“

So stand er eines Nachmittags in Bargfeld, einen uralten Reise„führer“ in der Hand, in dem vom kahl und allein stehenden Arno-Schmidt-Haus berichtet wurde; und suchte und fand nichts. Das Haus war längst umheckt und eingewachsen. Der enttäuschte Liebhaber schlenderte traurig zum Auto zurück – da sah er weit am Horizont ein Paar. Eine Frau zog sich aus, um zu baden. Ein Mann daneben schaute – nein, keineswegs zu, sondern per Fernglas in den Himmel, wo Wolken und ein paar Vögel zogen. Der Büchernarr traute sich. Er schlich heran – und sagte in ein abweisendes Gesicht: „Herr Schmidt – vielleicht?“ Der Student drohte, mit Aplomb durchs „Examen“ zu fallen. „Was wollen Sie“, kam die Abwehr, die typische Arno-Schmidt-Zurechtweisung, „ich möchte nicht angesprochen werden und ich will niemanden kennenlernen.“ Der Student fiel aber doch nicht durch; er hatte fleißig gelesen – und im Kopf den entlegenen Text des Meisters „Der Platz, an dem ich schreibe“ – in dem es heißt: „Darauf freue ich mich schon sehr: wenn einmal, irgendwann-einmal, ein Mäzen-oder-so auftauchen wird, der mir ‚um-meiner-selbst-willen‘ – es ist schwer; ich weiß wohl; ich selbst würd’s auch nicht tun – eine monatliche Rente von, nu, sagen wir, 500 Mark ,auswirft‘; und ich dann – ach, es fallen einem gleich Ausdrücke wie ‚Lebensabend‘ ein, und ,buntgeblümter Schlafrock’, ‚The echoing Green‘, ‚Der Schnee tröpfelte emsig vom Dach‘, ‚Die Nacht wird kalt, sagte der alte Rudolph, vom Wetterfähnchen kreischte es herunter, die Eichen fangen zu rauschen an, lege mehr Holz an den Heerd, Alwin.‘ – tcha, und jetzt hab’ ich natürlich den Faden verloren.“

„Ich will eigentlich gar nichts“, sagte der Besucher ziemlich verlegen, „mein Name ist Jan Philipp Reemtsma – und ich wollte nur fragen: Darf ich Ihr Mäzen sein?“ Die Geschichte ist lang und lustig (nicht ganz so lustig, wie sie gelegentlich kolportiert wurde, mit dem Hänsel-und-Gretel-Effekt eines Schecks, der durch die Gitter des Gartenzauns geschoben wurde); aber ein Scheck wurde es schließlich doch, nach erster Abwehr und offenbar unkokettem „Nein“ des ärmlich lebenden Schriftstellers: „Da Sie dieses Jahr den Nobelpreis – wieder – nicht erhalten haben: ich gebe Urnen ‚meinen‘ Nobelpreis.“ Das waren, im Jahr 1977, runde DM 350 000,-; Reemtsma jr. war noch Mündel und mußte den Betrag vom Vormund erbitten. „Aber man entsann sich der mäzenatischen Tradition unseres Hauses und gab mir das Geld.“

Ein ganz ordentliches Fundament für eine Freundschaft. Die wurde es – Reemtsma ging ein und aus im Hause Schmidt, das bekanntlich selbst Verehrern und Jüngern wie Jörg Drews oder dem Interpretationssyndikat um den Bargfelder Boten rasch verschlossen wurde. Frau Alice Schmidt erzählte Jahre später dem Spiegel-Reporter Gunar Ortlepp: „Das Auftreten von Herrn Reemtsma hat ihm so imponiert. Er hat zu mir immer gesagt: ‚Das ist der bescheidenste, anständigste aller meiner Leser.‘ Verstehen Sie: Er hätte das Geld nicht von jedem angenommen. Ich selbst war gegen dieses Angebot, weil ich dachte: ,Lilienthal‘, das macht ihn völlig fertig, das hält der gesundheitlich nicht aus.“ Arno Schmidt wurde frei von lästiger Brotarbeit, als die er auch seine hoch gepriesenen Übersetzungen und Editionen empfand. Doch Gesundheit kann auch Geld nicht kaufen. Der von einer Angina pectoris geplagte und wassersüchtig verschwollene Schriftsteller war mit fünfundsechzig – da arbeitete er an dem Roman ,,Julia“ – ein todgeweihter Mann, angesichts zehn Zeilen Tagespensum von „kreischender Desperation“ gejagt, vom Schlaf gemieden und von einer Welt verehrt, die er mehr und mehr verabscheute; die Worte variierend, die Balzac gesagt haben soll, wenn er sich an die Arbeit setzte, „Kehren wir zur Wirklichkeit zurück“, hatte er geschrieben: „... die „wirkliche Welt’?: ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unsrer Großn Romane!“ Am Pfingstsonntag 1979 – drei Tage lang hatte ein Schlaganfall ihn schwarz und stumm gemacht – war Zettels Traum zu Ende.

Was nun beginnt, ist Farce, Tragödie und Satyrspiel zugleich: Der Kampf ums Erbe. Alleinerbin Witwe Alice meint bald herauszufinden, daß ihres Erachtens der S. Fischer Verlag sowohl unkorrekt abgerechnet wie einige Titel ohne Verträge gedruckt hat – Taschenbücher vor allem, statt gebundene Ausgaben. (Zehn Taschenbuchverträge waren abgelaufen, die Titel also unrechtmäßig weiter verlegt.) Am 16. 6. 1982 kündigt sie „aus wichtigem Grunde“ sämtliche mit S. Fischer bestehenden Verträge. Die wichtigen Gründe für Witwe Alice Schmidt:

1. Taschenbuchnachdrucke trotz abgelaufener Lizenzverträge (die kompliziert und verschachtelt sind wegen der Übernahme des ursprünglichen Schmidt-Verlages Goverts durch S. Fischer).

2. Differenzen in Abrechnungen, die (nach Einschalten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Young durch Alice Schmidt) auf fast 40 000,–DM beziffert werden.

Fünf Millionen für Arno Schmidt

3. Keine oder zu wenige gebundene Einzelausgaben (S. Fischer hat zwar eine Neuauflage von „Zettels Traum“ veranstaltet und die Typoscriptbände „Schule der Atheisten“ und „Abend mit Goldrand“ herausgebracht, nicht aber beispielsweise die ursprünglich bei Rowohlt erschienene Trilogie „Nobodaddy’s Kinder“, obwohl er laut Vertrag vom Mai 1973 innerhalb von fünf Jahren dazu verpflichtet war).

Am 1. 8. 1983 stirbt Alice Schmidt. Ein ursprünglich noch mit dem Autor überlegter, aber von ihm verschobener – „später, wenn ich nicht mehr schreiben kann“ –, dann wegen unakzeptabler Bedingungen von der Witwe abgelehnter Plan zu einer Gesamtausgabe blieb Projekt. Am 26. 11. 1981 hat Jan Philipp Reemtsma die anfangs mit fünf Millionen Mark ausgestattete Arno-Schmidt-Stiftung gegründet, die u. a. jährlich einen mit 50 000 Mark nobel dotierten Preis verleiht (erste Preisträger Hans Wollschläger und Wolfgang Koeppen). Die Stiftung wird laut Alice Schmidts Testament Alleinerbe des Urheberrechts am Werk von Arno Schmidt.

Der Krieg bricht aus. S. Fischer ist ein renommierter und gerade um Nachlaßeditionen – von Hofmannsthal bis Kafka – hochverdienter Verlag; seine Inhaberin Monika Schoeller, die nach ihrem einzigen Besuch Arno Schmidt zu seinem Geburtstag ein Piranesi-Vedutenbild schenkte und beeindruckt schied: „Der größte Mann, dem ich je begegnet bin“, trägt zwar wegen ihrer (gespielten?) hilflosen Schüchternheit in der Branche den Spitznamen „Ingeborg Bachmann des Verlagswesens“; selbst der Richter einer Zivilkammer mußte lächeln, als die Tochter des Medien-Multis Georg von Holtzbrinck, ihrerseits Millionenerbin und Alleinherrscherin des S. Fischer Verlags, mit dem Satz demutsvoll vor die Schranken trat: „Als

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ich 1974 in den S. Fischer Verlag eintrat...“ Aber sie hat wohl auch Krallen – die sie mit merkwürdiger Verzögerung zeigt: Alice Schmidt bekam erst sechs Monate nach ihrer Vertragskündigung Antwort, Jan Philipp Reemtsma auf einen knapp 50 cm langen fernschriftlichen Einigungsvorschlag (September 1983) gar keine; dieser Einigungsvorschlag „geht von der Tatsache aus, daß die Arno-Schmidt-Stiftung als testamentarische Erbin von Frau Alice Schmidt trotz der prozessualen Auseinandersetzung mit Ihrem Hause in der Lage wäre, mit der Edition einer Gesamtausgabe zu beginnen. Jedoch gebietet es die gemeinsame Verantwortung für das Werk von Arno Schmidt auch der Öffentlichkeit gegenüber, die Edition einer Gesamtausgabe sowie andere Verbreitungsformen des Werkes von belastenden Auseinandersetzungen freizuhalten und die Prozesse zu beenden“. Keine Antwort ist auch kein Kompromiß. Doch solange kein Kompromiß in Sicht ist, kann kein einziges Buch von Arno Schmidt erscheinen.

Wolfram Schütte empfahl in der Frankfurter Rundschau angesichts der desperaten Situation eine Lösung „leicht unterhalb der Legalität“:

„Der Autor und sein Werk im Giftschrank, der versiegelt ist von Kapitalinteressen: das ist eine bittere, erzürnende Pointe, die ein Hohnlachen über einen Autor entzündet, der bis in seine späten Jahre sein gewaltiges Werk – Roman auf Roman, Erzählung nach Erzählung, Essays und Rezensionen – unermüdlich schrieb, damit er sein spärliches Brot hatte – und wir seine Bücher. Das Brot braucht er nun nicht mehr – wir aber seine Bücher. Die bekommen wir jedoch nicht. Wenn das so weitergeht – und eine Vernunft, die höher ist als alle kapitalistische Unvernunft, müßte, gerade im Blick auf ein derart von der Ratio bestimmtes (Euvre, endlich eingreifen –: wenn das so fortdauert, dann müßte man womöglich der Raubdruckerei ein höheres öffentliches Ansinnen zusprechen als jenen, die durch Raub, aufgrund eigensüchtiger Interessen, uns den gedruckten Arno Schmidt vorenthalten.“

Das werden vielleicht beide Parteien nicht wollen. Was sie wollen, liegt nach jahrelangen Prozessen – die Akten füllen zwanzig Leitzordner – im Dunkel. Die hier abgedruckte fernschriftliche Korrespondenz liest sich so nebulös wie komisch: Gar nicht komisch allerdings lesen sich allerlei-Rempeleien, die etwa ein Mann namens Klaus Schöffling, von dem man vorher Beiträge zur Erforschung der Literatur nicht kannte, im renommierten Literaturmagazin Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel veröffentlichte. Dies „hold up“ gegen den reichen Erben geht so: „Der junge Mann mit dem vielen Geld arbeitet an einem Olymp, dessen Trittbrettchen er gern wäre ... Wenn es zu eigener Schöpfung nicht reicht, krönt man sich gern mit dem Werk eines anderes, setzt sich für ihn unnachgiebig ein, vermehrt dessen Ruhm, von dem dann ein Stück auf den Förderer zurückfällt... Einer, der viel Geld hat, meint sich einen Autor, respektive sein Werk kaufen zu können, um daran herumzuedieren, die freien Stunden mit dem Abfassen von Nachworten etc. füllen zu können und auch noch als der letzte Mäzen der deutschen Literatur in die Geschichte eingehen zu können.“

Derlei hat zum einen nichts mit der Rechtsposition zu tun; die hat in einer Entgegnung der Sekretär der Arno-Schmidt-Stiftung Bernd Rauschenbach so gemessen wie angemessen charakterisiert: „Es geht um das Werk von Arno Schmidt. Und deshalb hat Jan Philipp Reemtsma bereits im Oktober 1983 Monika Schoeller, der Geschäftsführerin von Fischer, einen Kompromiß vorgeschlagen. Über die Rechte an den bei Fischer bzw. Stahlberg erschienenen Bücher Arno Schmidts sollen Fischer und die Stiftung gemeinsam verfügen. Fischer dürfe weiterhin die Taschenbücher sowie Hardcover-Ausgaben der alten Originalausgaben bringen, die Stiftung dürfe in einem Verlag eigener Wahl eine Gesamtausgabe frei von Beschränkungen seitens Fischer edieren. Nach viermonatigem Schweigen zu diesem Vorschlag zeigte vor dem Gericht in Hannover S. Fischer Kompromißbereitschaft. Und nun wird verhandelt.“

Die Vorwürfe aber, jenseits der juristischen Alchimien und Irrgärten, gehen zum anderen ganz an dem seltsamen, für unsere Zeit so besonders ungewöhnlichen Phänomen vorüber, daß da einer nicht (noch mehr) Geld scheffeln, sondern es einigermaßen sinnvoll (nicht für sich) ausgeben will. Mit Schöffling-Logik wäre jede Gulbenkian-Stiftung, Rockefeller-Foundation und Ponto-Stiftung fortzuhämen. Ob Guggenheim-Museum oder mittelalterlicher Altar oder Schoko-Ludwigs Bilder: Gewiß will ein „Stifter“ auch immer ein klein wenig seinen eigenen (Nach-)Ruhm. Na und? Wichtig ist doch, wer geigt in der New York City Hall – und nicht, wessen Name klebt an den gestifteten Sesseln der ersten Reihen.

Des Dichters Urne im Garten

Gegeigt wird. In unserem Fall: ediert wird. Nicht nur sitzt – ja, gut, von Herrn Reemtsmas Geld; von wessen Geld sonst? – ein Team von Editoren in Bargfeld (wo der „Trittbrettfahrer“, assistiert vom Dorfpolizisten und dessen Bach-Flöte spielender Tochter, die Urne mit Arno Schmidts Asche vergrub); auch der noch immer nicht promovierte Student Jan Philipp Reemtsma sitzt selber mehrere Tage pro Woche am Entziffern von Handschriften, am Zusammenstellen des ersten Briefbandes, die Korrespondenz Arno Schmidt-Alfred Andersch. Man kennt ja reiche Dreißigjährige, die anderes tun ...

Was tut dieser „anderes“? Es muß ein merkwürdiges Leben sein. Bei unserem ersten Treffen fragte ich ihn: „Mein Gott, das muß ja grauslich sein, wie lebt man denn mit so viel Geld, ist das nicht auch ,Arbeit‘ – immer ‚Blei weint‘ und ‚Zinn lächelt‘ und ‚Kupfer unfreundlich’; erstickt Sie dieser Gold-Müll nicht?“ Der viel zuviel rauchende Zigarettenerbe gab schon zu, daß sein „Fall“ in die Literatur auch ein wenig Zuflucht sei, Flucht gar. „Und zu wissen, jeder Mensch, der Sie kennenlernt, denkt nur eins: Geld Geld Geld. Lernen Sie denn noch Menschen kennen, mögen Sie Menschen überhaupt noch?“ Es war seltsam. Der junge Mann, groß und schwer, holländisch wirkend wie sein Name und eher linkisch als flott, eher mies-kleinbürgerlich gekleidet als seriös oder schick, lächelte ziemlich unbefangen. „Sie werden lachen, ich ginge jetzt sogar noch – wenn ich Lust hätte – in eine Kneipe, einfach so, ohne ,Bullen‘. Ich habe allerdings einen kleinen Vorteil – es kennt mich niemand. In der Tat – es gibt keine Photos, keine Fernsehaufnahmen, keine Adresse und Telephonnummer (außer Büros und Assistenten). Gibt’s den Mann überhaupt?

Zum Abschied legte er mir doch noch ein Portrat auf den Tisch – oder war es mehr eine Visitenkarte? Eine Broschüre von 130 Seiten: der „Gründungskatalog“ des soeben von ihm ins Leben gerufenen „Hamburger Institut für Sozialforschung“. Man kann ziemlich verblüfft sein – ist das Maßstab setzen oder Anmaßung? „Ach, wissen Sie“, sagt Jan Philipp Reemtsma mit dem einem Hamburger gemäßen Understatement, „vor langer Zeit hat ein junger Mann mit einigem Geld und einigen Ideen schon einmal so ein Institut gegründet, Felix Weil. Ich bin auch ein junger Mann mit einigem Geld und einigen Ideen – warum soll ich das nicht noch mal versuchen?“ So versammelte er eine ziemlich „bunte“ Schar zum Beirat – Helmut Dahmer und Ernest Mandel, Margarete Mitscherlich und Jakob Moneta und Alice Schwarzer, taufte sie „Wissenschaftlicher Beirat“ und definierte, nicht ohne Selbstzweifel, seine Bestimmung: „‚Hamburger Institut für Sozialforschung’ – der Titel erscheint, je nach Geschmack aus verschiedenen Gründen, schlecht gewählt. Er scheint entweder einen Anspruch zu erheben, den einlösen zu wollen, vermessen ist, oder eine fragwürdige Tradition fortzuspinnen. Aber man entgeht der Auseinandersetzung mit Traditionen nicht durch nominalistische Tricks, zum Beispiel indem man sich anders nennt. Das Hamburger Institut für Sozialforschung nimmt eine Grundintention des vor nun mehr als einem halben Jahrhundert gegründeten Frankfurter Instituts auf, den Plan einer interdisziplinären gesellschaftskritischen Forschungsarbeit. Es wird sich nicht an Traditionen zu messen haben, sondern an der Art und Weise, wie es diesen Plan mit den ihm zur Verfügung stehenden Kräften in der gesellschaftlichen Situation, in die es gegenwärtig gestellt ist, verwirklichen wird.

In seiner Rede ‚Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung’ sagte Max Horkheimer: ‚Carl Grünberg hat bei der Einweihung des Instituts davon gesprochen, daß jeder bei seiner wissenschaftlichen Arbeit von weltanschaulichen Impulsen geleitet sei. Möge der leitende weltanschauliche Impuls in diesem Institut der unwandelbare Wille sein, ohne jede Rücksicht der Wahrheit zu dienen!‘ – ein schöner Satz, gewiß, und man sollte ihn nicht skeptisch à la Pilatus abwehren oder zur bloß zunftethischen Maxime für Intellektuelle verkürzen; aber wenn man nicht mehr ungebrochen in der Tradition der Aufklärung steht, meinend, mit dem Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, sei das Wesentliche schon geleistet, klingt das Pathos einer solchen Wahrheit doch etwas hohl.“

Neues Feministisches Archiv

Was das soll? Nicht philosophieren, sondern tun. Reemtsma will „wissenschaftliche Erkenntnisse als Mittel gesellschaftlicher Veränderungen eingesetzt“ sehen. Die beiden ersten, international angelegten Großstudien des Instituts werden sich brennenden Problemen der aktuellen Not auf der Welt widmen: Armut und Folter. Da kann man natürlich an die Bosheit des New Yorker Bürgermeisters Ed Koch denken, der jüngst angeekelt sagte: „Wenn doch die Reichen das Geld 1, das sie dafür ausgeben, über Armut forschen zu lassen, gleich den Armen üben – dann hätten sie bald kein Forschungsobjekt mehr.“ Mag sein. Aber sie tun es nun einmal nicht. Vielleicht können sie es auch gar nicht? Vielleicht hülfen diese Spenden letztlich doch weniger als dieser Anstoß, den Helmut Dahmer formuliert: „Ziel der Forschungsarbeit des neuen Instituts ist es, an dem Projekt einer von historischer Erfahrung gesättigten, empirisch gestützten und stets wieder korrigierten kritischen Theorie der (internationalen) Gegenwartsgesellschaft zu arbeiten.“

Immerhin. Vor Jahren hat Jan Philipp Reemtsma das neue twen finanziert; keine sehr aufregende Idee. Dann hat er – unbestätigt, aber auch unbestritten – jahrelang Konkret unterstützt; keine sehr brillante Idee. Jetzt hat er, offenbar nicht erschöpft von Querelen und Prozessen gegen S. Fischer und für sein Idol Arno Schmidt, etwas ganz Neues, Eigenes ins Leben gerufen, das schließlich ein Modell aktualisiert, dem die europäische Moderne Unschätzbares zu verdanken hat. Dieser Tage ist er sogar noch weiter hinausgeschwommen und hat sich für die Dauer von insgesamt zehn Jahren zur Finanzierung eines Feministischen Archivs und Dokumentationszentrums in Frankfurt bereiterklärt, in dem die Forschungsarbeit über Frauenthemen erleichtert werden soll. Neben einer Präsenzbibliothek und einem Zeitungsausschnittarchiv, an deren Zusammenstellung bereits seit einigen Monaten gearbeitet wird, soll in etwa zwei Jahren ein Dokumentationszentrum Informationen für Wissenschaftler, Medien, Verbände, Parteien und Gewerkschaften bereithalten. In den 360 Quadratmeter großen Räumen der Reemtsma-Stiftung, deren Vorstandsmitglied Alice Schwarzer ist, sollen sechs festangestellte wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Bibliothekarinnen arbeiten.

Das weckt Skepsis wie Erwartung und Hoffnung; und es verrät ziemlich viel Optimismus in einer Welt der Angst und Endzeitstimmung. Die Quelle dafür? Auf die Frage, ob er mit einem Wort den Impuls definieren könnte, der ihn treibt und umtreibt, zögert Jan Philipp Reemtsma nur eine Sekunde: „Aufklärung.“