Von C. Wolfgang Müller

Erziehungswissenschaftler haben’s nicht leicht. Schon zu der Zeit, als sie im Bündnis mit Bildungspolitikern und Sozialreformern versuchten, ihre Forderungen nach "Bildung als Bürgerrecht" und "Bildungschancen für alle" praktisch zu machen, blies innen der Wind stagnierenden Wirtschaftswachstums und geburtenstarker Bevölkerungskohorten ins Gesicht und dämpfte ihre Hoffnung auf Gesellschafts- durch Bildungsreform.

Heute werden sie von den Politikern der Wende aufgefordert, ihrer Euphorie des Reformjahrzehnts abzuschwören und die junge Generation auf Arbeit trotz verblassender Berufsperspektiven, auf Leistung trotz nachlassender Gratifikationen, auf Auslese trotz des damit verbundenen Verdrängungswettbewerbs zu orientieren.

Auf dem 9. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Kiel waren die Forderungen der Politiker, politischen Realismus zu zeigen, gesetzte Erziehungsziele zu legitimieren und daraus praktizierbare Handlungsschritte abzuleiten, unüberhörbar. Unüberhörbar auch knirschende Zähne unter den 1200 anwesenden Erziehungswissenschaftlern, solchen saisonalen Aufforderungen entsprechen zu sollen. Bei allen wissenschaftstheoretischen und bildungspraktischen Unterschieden innerhalb der pädagogischen Zunft scheint ihre Gewißheit allgemein, bei der augenblicklichen Wirtschaftslage handle es sich nicht um einen einmaligen Betriebsunfall, sondern um eine Strukturkrise, die durch Ölpreise, Zinsfuß und Geburtenzahlen nur unzureichend erklärt und die durch Bildungsanstrengungen allein nicht überwunden werde.

Nur vereinzelt wurden Stimmen laut, man solle den Sinn des Lebens nicht mehr krampfhaft in der knapp gewordenen Arbeit suchen, sondern sich auf überzeitliche Werte allgemeiner Menschenbildung besinnen. Die Mehrheit hielt am Konzept der Arbeit als Voraussetzung und Medium für die Vergesellschaftung, von Menschen fest. Wem beharrlich und dauerhaft Arbeit vorenthalten werde, so hieß es immer wieder, dem werden nicht nur materielle Lebenschancen, sondern auch ideelle und soziale Sinnchancen verwehrt. Mit einer Reduktion von Menschen auf ihr materielles, geistiges und soziales Existenzminimum könne sich keine engagierte Erziehungswissenschaft abfinden.

Im Vergleich zu früheren Kongressen gab es eine Reihe neuer Akzente. Nicht mehr allein die Frauenforscherinnen bezogen in den Arbeitsbegriff neben der Erwerbsarbeit gegen Lohn auch die unentgeltlich erbrachte Haus- Und Beziehungsarbeit im Bereich privater Reproduktion ein. Sie formulierten, es gebe nicht weniger Arbeit in unserer Gesellschaft, sondern weniger Erwerbsarbeit, dafür aber mehr unbezahlte Reproduktionsarbeit. Das führe zu gravierenden Einschränkungen der Bildungs- und Berufschancen von Frauen und fördere eine antiemanzipatorische Entwicklung.

Berufsforscher diagnostizierten unter auszubildenden Industriejugendlichen ein überraschend positives Bild von der Zukunft ihrer Berufe. Die Jugendlichen befürchteten kaum Beschäftigungsrisiken, erwarteten vielmehr ein Ansteigen der fachpraktischen und berufstheoretischen Qualifikationsanforderungen und hofften, daß technische Innovationen nicht zu einer Entwertung der Facharbeit führen würden.