Es hätte ein Skandal werden können. Und wurde dann doch ein friedlicher, ein beinahe gemütlicher Abend. Am Ende, wie so oft im Bochumer Schauspielhaus: Blumen für die Damen, Klatschmarsch für den Regisseur. Dann ging man frohgemut auseinander.

Doch was hatte man vorher gesehen? Einen Menschen (Willie), der in der ersten Szene des Abends aus dem Mutterschoß heraus-, in der letzten Szene in denselben zurückgekrochen war. Fünf Frauen im KZ. Eine Entmannung. Einen menschlichen Fötus, der von seinem Vater liebkost und mißhandelt wurde. Beischlaf mit Menschen, Müttern und Tieren (?). Kurzum, George Tabori zeigte wieder einmal vieles, was man schon immer über Sex nicht wissen wollte. "Peepshow – ein Rückblick" heißt die Szenenfolge. Und tatsächlich gibt sie den Bochumer Schauspielkünstlern Gelegenheit, manches zu zeigen, was sie bisher noch nicht gezeigt haben. Allerdings liegt der Gewinn des Abends eindeutig eher auf der menschlichen als auf der Künstlerischen Seite.

Trotzdem war niemand Tabori böse. Es ist auch ganz unmöglich, Tabori böse zu sein. Wieder einmal saß er selber auf der Bühne, ganz hinten, an einem Garderobentisch; kritzelte in ein Buch, ließ sich von der Regieassistentin Tee kochen und schaute gelegentlich gnädig-gerührt hinüber zum eigenen Stück, zur eigenen Inszenierung. wie ein Geschöpf Becketts sah er aus, wie ein alter Landstreicher, der im Theater einen warmen, guten Aufenthaltsort für drei Stunden gefunden hat. Um das Gelingen seiner Premiere machte er sich sichtbar wenig Sorgen, warum auch. Saß doch die Souffleuse, mit dem dicken Regiebuch auf dem Schoß, mitten unter den Schauspielern und half, wo immer sie helfen konnte. Diese Szenen haarscharf neben dem Stück waren das Schönste am Stück.

Denn dessen Hauptgeschichte, gestehe ich, erzähle ich nur mit Beklemmung. Willie (gespielt vom Bochumer Tasso, von Branko Samarovski) kriecht aus dem Schoß der Mutter. Es ist 1914, also, welche Überraschung, das Geburtsjahr George Taboris. Das Stück erzählt, in der Form des Stationendramas, der biographischen Revue, von mancherlei Songs (Musik: Stanley Walden) unterbrochen, Willies Lebensgeschichte, zumindest die erotischen Kapitel daraus.

Wie Willie die Eltern belauscht. Wie Willie von der Amme die ersten Lehrstunden des Gefühls erhält. Jaundsoweiter. Die bekannte Geschichte, vom Leben und auch von George Tabori selber schon oft geschrieben. Der Dichter hat für den Bochumer Abend das eigene Gesamtwerk, insbesondere seine Erzählung "Son of a bitch", offenbar gründlich durchgesehen.

Ein Künstlerdrama. Denn Willie möchte keiner wie George sein, sondern einer wie William. Also spukt Shakespeares Geist durchs ganze Stück: Belmont und Illyrien, Orlando und Orsino, Hamlet und Lear, die Hexen und die "Dunkle Dame".

Das Stück ist eine riesige Krabbelkiste, ein unendliches Theater-Rätsel. Tabori zitiert, plagiiert, parodiert – und schont dabei natürlich nicht einmal sich selber. "Gut möglich, daß ich es zu einem abendfüllenden Nichts ausdehne", sagt Willie über ein Stück, an dem er schreibt, und dann streitet die Familie ergötzlich darüber, ob es "früher Joyce", "später Beckett" oder doch nur "mittlerer Hochhuth" werden wird. Dies Stück könnte "Peepshow" heißen. Und auch ein Verzweiflungsmonolog von Willies Ehefrau Amanda läßt sich ohne weiteres als ein Tabori-Verriß, verfaßt von George Tabori, lesen: "Ich glaube nicht mehr an Kindermärchen und Großmütter, an all die lieben Leut’, ich glaube nicht an Schnuller, wie deine Scherze und Schwänze, deine Sprüche, Willie, deine beschissenen Leitartikel, du klingst immer so, als würdest du jemanden zitieren, sogar wenn du ‚hallo‘ sagst."

George Tabori hat gerade in München "Warten auf Godot" inszeniert: einer der schönsten, klügsten Theaterabende der Saison und bestimmt der allerliebenswerteste. Taboris vagabundierende Phantasie begegnete Becketts heiterer Strenge, sein Regieleichtsinn traf auf die genaue Kunst großer Schauspielerprofis, auf Peter Lühr, auf Thomas Holtzmann.

In Bochum spielt nun Tabori wieder vor allem mit Tabori selber. Er kokettiert. Es geht um die beiden großen Themen seines Lebens und Dichtens, um Liebe und Tod oder, im Tabcri-Sound gesagt: um Koitus und Konzentrationslager. Der Text ist in zwei Richtungen gleichzeitig unterwegs: hinauf zum Abgott Shakespeare und hinunter zur perfekten, rührselig-rüden Broadway-Schnulze. Auf jeden Scherz folgt ein Schock, jeder Schock wird durch einen neuen Scherz besänftigt. Ein Anekdotendrama, auch da, wo die Witze tödlich sind. Ein zynisches Kabarett und ein feierliches Menschheitsmärchen. Große Lyrik und nackter Schund, Poesie und Schmalz ganz nah beieinander: George Tabori, der Czárdás-Shakespeare.

Das Bochumer Ensemble tut, was es kann, und das ist nicht wenig. Die majestätische Miriam Goldschmidt als Mutter, die monumentale Kirsten Dene als Ehefrau, die ekstatische Ursula Höpfner als Amme und Hündin, dazu der auch in heiklen Situationen unerschütterlich sanftmütige Samarovski: es ist ein herrliches Ensemble, das sich für Tabori einsetzt, manche Blöße des Dichters bedeckt. Aber trotzdem würde man sie gerne in einem richtigen Stück sehen, vielleicht von Shakespeare, vielleicht inszeniert von George Tabori. Dann fahren wir alle wieder nach Bochum.

Kein Skandal. Ein Abend, so erregend ungefähr wie ein gutes Tässchen Hagebuttentee. Am Ende stirbt Willie, ein Baal im Rentenalter, beim Schlaf mit der Mutter. Dann aber (ein Wunder!) erwacht er wieder ins Leben. Oh, Mama: nach Ödipus und Heintje, nach Arrabal und Achternbusch ist wieder einmal Muttertag in der abendländischen Kunst.

Auf der Bochumer Bühne steht, lange Zeit untätig, eine große Windmaschine. Ganz zuletzt, Willie ist auferstanden, setzt sie sich lärmend in Bewegung und bläst Willies (unvollendetes) Manuskript davon in alle Himmelsrichtungen. Auch das ist natürlich ein Gleichnis: Die Windmaschine nahm unsere Arbeit, die Kritik, vorweg. Leb wohl, Willie, Hurensohn, geh in ein Kloster!

Benjamin Henrichs