/ Von Rolf Thissen

Tun sind sie vorbei, die fetten Jahre, und wenn man es nicht haarklein nimmt, dannkönnte man auch sagen, sie hätten sieben Jahre gedauert: Der Filmbuch-Boom, der seit etwa Mitte der siebziger Jahre den bundesrepublikanischen Markt mit Primär-, Sekundär- und Tertiär-Literatur überschwemmte, ist endgültig zu Ende. Für cineastische Bücher, so hört man inoffiziell aus dem Hanser Verlag, liege die „Schallgrenze“ derzeit bei 2500 Exemplaren. Sinkende Auflagenzahlen aber korrelieren mit steigenden Verkaufspreisen. Für das von Hans Günther Pflaum bei Hanser herausgegebene Jahrbuch Film 83/84“ muß man 39 Mark bezahlen. Da tröstet es wenig, sich einzureden, daß Qualität ihren Preis hat.

Die Filmbuch-Baisse trifft zusammen mit einem nicht mehr hinwegzuredenden Niedergang des „neuen“ deutschen Films. Eine unendlich traurige Geschichte: Unter sieben Prozent, so heißt es in der Branche, sei der Marktanteil des deutschen Films abgerutscht. Der Erfolg eines so seichten Musikfilms wie „Gib’ Gas, ich will Spaß“, der nach Auskunft seines Produzenten Peter Zenk bisher 1,4 Millionen Zuschauer locken konnte, tröstet allenfalls die Beteiligten. Ansonsten: tabula rasa.

„Oft geht die Motivation für einen Film aus der Kalkulation weit plausibler hervor als aus dem Drehbuch, und wenn die Drehbücher so phantasievoll wären wie die Kalkulationen, so hätten wir auch jetzt das herrlichste deutsche Kino, das sich ein Mensch nur wünschen kann“, bemerkt Hans Günther Pflaum. Statt dessen hätten wir, so meint Pflaum (ganz richtig, leider), im deutschen Kino jetzt den Winter erreicht: „Nichts geht mehr, scheinen manche Regisseure zu sagen; sie begeben sich zum Überwintern ins Ausland, Wenders nach Amerika, Schlöndorff nach Frankreich, Herzog nach Australien ... Nichts geht mehr, sagen die Kritiker und sind es leid, immer wieder nur den guten Willen und die redlichen Absichten einzelner Regisseure und ihrer Arbeiten zu attestieren, um die handwerkliche (von Kunst redet ohnehin kaum einer mehr) Trostlosigkeit zu verschweigen und nicht den Beifall von der falschen Seite zu provozieren.“

Während sich der Hanser Verlag, etwa mit seiner „Blauen Reihe“, mehr an eine cineastische Zielgruppe wandte, versuchte der Goldmann-Verlag mit seiner „Citadel-Reihe“ einen populären Kurs: Die großformatigen, reich bebilderten Bände mit Preisen zwischen 20 und 30 Mark sollten für Fans wie für Fachleute gleichermaßen attraktiv sein. Die anfangs von Joe Hembus und später von Christa Bandmann herausgegebene Reihe brachte zunächst Übersetzungen der amerikanischen Originalausgaben, allerdings erweitert um kritische Kommentare und Zitate aus Rezensionen. Die ersten Bücher (über Alfred Hitchcock und John Wayne) wurden zu Rennern, erreichten mehrere Auflagen. Spätere Bücher über Marlon Brando und Ronald Reagan dagegen wollte niemand kaufen. Lediglich gut ließen sich deutsche Originalausgaben absetzen (über Romy Schneider, Heinz Rühmann und „Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms“).

Als bisher letzter Band der Citadel-Reihe erschien „Klassiker des deutschen Stummfilms“ von Ilona Brennicke und Joe Hembus. Der Band komplettiert eine Trilogie über den deutschen Film, zu der die bereits veröffentlichten Bücher „Klassiker des deutschen Tonfilms“ von Christa Bandmann und Joe Hembus sowie „Der neue deutsche Film“ von Robert Fischer und Joe Hembus gehören. Die Trilogie, die die deutsche Filmgeschichte von 1910 bis 1980 lückenlos erfaßt, beeindruckt schon durch einige Zahlen: Auf insgesamt 854 Seiten, bebildert mit mehr als 1100 Photos, werden summa summarum 1660 deutsche Filme besprochen – 196 davon ausführlich, die restlichen 1564 in Kurztexten. Ein 40seitiges Personen- und Titel-Register macht das umfangreiche, in dieser Form in der Bundesrepublik einzigartige Werk zudem leicht benutzbar. Die manchmal launischen, stets aber dezidierten Texte des (Haupt-) Autors Hembus machen die Lektüre zu einem Vergnügen.